Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Recht klare Aussagen lassen sich dagegen über die Sozialstruktur der wandernden 
Bevölkerung treffen. Bei den Migrationen des 19. Jahrhunderts handelte es sich in aller 
erster Linie um „proletarische Massenwanderungen“.3 8 Elend und Existenznöte sowie 
die Hoffnung auf bessere Lebensumstände zählten zu den wichtigsten Wanderungsmo¬ 
tiven der unterbürgerlichen Schichten auf dem Land und in der Stadt. Die Arbeitsmig¬ 
ration war quantitativ am bedeutsamsten, während Zwangsmigrationen aus politischen, 
religiösen oder ethnischen Gründen dahinter zurückblieben. Dies sollte sich dann in 
der Zwischenkriegszeit zumindest partiell ändern, nachdem auch schon in der Frühen 
Neuzeit erzwungene Wanderungen sehr häufig waren.3 9 Die sich in Bewegung befindli¬ 
che Bevölkerung war überwiegend, aber keinesfalls ausschließlich männlich und relativ 
jung. So war nach Dieter Langewiesche die Bevölkerungsgruppe der unter 30-Jährigen 
an der Binnenwanderung besonders stark beteiligt, während anschließend eine Lebens¬ 
phase bestimmter Immobilität einsetzte.* 380 
Trotz der Massenhaftigkeit und schlechten Quantifizierbarkeit des Wanderungsge¬ 
schehens verlief der Prozess in seiner Gesamtheit keineswegs unstrukturiert. Die histo¬ 
rische Migrationsforschung entwickelte ein operationalisierbares Begriffs- und Metho¬ 
denrepertoire, um die Migrationsprozesse wissenschaftlich zu erfassen, zu untersuchen 
und zu kategorisieren. 
Anhand systematischer Aufarbeitung von Wanderungsbewegungen konnten ver¬ 
schiedene Migrationssysteme identifiziert werden. Diese wurden konstituiert durch 
„empirisch verifizierbare Abwanderungen vieler Individuen aus einer nach geographi¬ 
schen und wirtschaftlichen Kriterien definierten Region, die über einen längeren Zeit¬ 
raum hinweg in einen durch steten Informationsfluß bekannten Zielraum führen“.381 
Das heißt nichts anderes, als dass sich im Laufe der Zeit bestimmte Migrationspjade 
zwischen zwei Gebieten herausbildeten.382 Voraussetzung dafür war eine mehr oder 
weniger deutliche soziale und wirtschaftliche Disparität zwischen beiden Regionen: 
Die Herkunftsregion konnte vor allem den jungen Einheimischen aufgrund fehlender 
Industrie, unproduktiver Landwirtschaft und/oder Übervölkerung keine ausreichende 
Perspektive mehr bieten (push-Faktoren), während die Zielregion durch das Vorhanden¬ 
sein einer prosperierenden Industrie und damit einhergehenden Verdienstmöglichkei¬ 
wanderung oder aber der Zuzug in eine einzelne Stadt oder in ein territorial eng umgrenztes Gebiet 
noch eher in Zahlenmaterial festzuhalten ist als zirkulare Binnenmigration. 
's Begriff vgl. Bade 2002, S. 59. 
19 Vgl. dazu Hoerder/Lucassen/Lucassen 1007, S. 40. 
380 Vgl. Langewiesche 1977, S. 29 f. Zur Altersstruktur der wandernden Bevölkerung vgl. auch Olt- 
mer 2010, S. 24. Er identifiziert die höchsten Mobilitätsraten bei den 15- bis 30-Jährigen. 
381 Hoerder/Lucassen/Lucassen 2007, S. 45. Die Autoren bemerken weiterhin, dass Wande¬ 
rungssysteme „auf einer dauerhaften Wechselwirkung zwischen Herkunfts- und Zielregionen“ basieren. 
Siehe ebd., S. 46. 
382 Vgl. Oltmer 2010, S. 3. 
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