Full text: Vorlesungen über praktische Philosophie

Grundkategorien. 
65 
die Mathematik und Methodik der Naturwissenschaft seit 
Gauß erfahren hat. Dann steht nicht mehr eine tote Form 
einer erst recht toten Materie gegenüber, sondern die ewig 
lebendige Form (d.i. Formung) vollzieht sich an einer Materie, 
welche dieser Formung von Haus aus empfänglich ist, sie 
gleichsam als Vorzeichnung schon in sich trägt. Dies setzt 
aber voraus, daß sie selbst (wie es in der Tat Leibniz annahm) 
an sich ins Unendliche geformt, in nichts durchaus formlos 
ist, auch da nicht, wo für uns keine Formung erkennbar ist. 
Materie (#/??) heißt Bauzeug. Als solches ist sie freilich nicht 
selbst der Bau, aber doch in Zweckbeziehung auf ihn kon¬ 
stituiert, für ihn nicht bloß tauglich, sondern schon vorgebil¬ 
det. Nichts aber verbietet uns, die Konsequenz der Sache 
fordert vielmehr, der Materie jederzeit, auf jeder Stufe eine 
Eigenform zuzutrauen. Eine solche erkennen wir z. B. im 
Holz oder Tierfell als möglichem,,Stoff“ zu solcher und solcher 
Verwendung. Solche Bildungsformen aber läßt auch die 
mineralogische Struktur und läßt der Aufbau der chemischen 
Elemente durchweg erkennen. Fast schon aus den letzten 
Schlupfwinkeln ist durch die tiefer dringende Forschung die 
irreführende Voraussetzung einer absolut strukturlosen Ma¬ 
terie vertrieben auf Nimmerwiederkehr. 
Die große Folge hieraus ist, daß die ganze feindliche Tren¬ 
nung einer allein lebendigen, zwecktätigen, individualen Gei¬ 
stigkeit von einer durchaus zwecklosen, individuitätslosen, 
toten Masse fällt; mit ihr jede Vorstellung einer Wegentwick¬ 
lung des Menschen von der Natur, der Zerreißung der Welt 
in eine geistfremde, geistfeindliche Materie und einen natur¬ 
fremden, naturfeindlichen Geist; als ob wirklich in der weiten 
Welt der Teufel sein Spiel triebe und Gott nur, wie auf eine 
Insel verschlagen, in einem engen Bereiche sein Regiment not¬ 
dürftig aufrecht hielte. Auch die verhängnisvolle Scheidung 
der Wissenschaft vom Leben, der Bildung überhaupt, der In- 
tellektualität, der künstlerischen Gestaltung von einem nur 
Natorp, Vorlesungen über prakt. Philosophie. 
5
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.