Full text: Vorlesungen über praktische Philosophie

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Kap. IX. § 213. 
doch der Geist sich nicht ertöten lassen. Er wird durch alle 
Qual der Entzweiung sich doch zum Einheitsgrunde wieder 
zurückfinden und sich frei kämpfen. Dazu aber genügen 
nicht die nur dienenden Kräfte des Verstandes und Willens; 
dazu verhilft allein das Zurückbesinnen auf den letzten Ein¬ 
heitsgrund. Das kann keine Kultur des Verstandes und Willens 
allein bewirken; aber sie kann es zum Glück auch nicht gänz¬ 
lich ertöten und nicht dauernd hindern, daß es sich schlie߬ 
lich selbst frei kämpft. Dann wollen auch Verstand und Wille 
nicht mehr Sklaven fremder Mächte bleiben. „Vernunft“ 
lernt dann, als Philosophie, als philosophische Selbstbesin¬ 
nung und Kritik sich selbst befreien, sich selbst verstehen, 
sich selbst begrenzen. Ratio, Logos wird dann freie Rede und 
wird Rat; bloßer „Verstand*' erhebt sich zur „Vernunft“ 
im prägnanten Sinne, deren Merkmal eben die Rückwendung 
auf das Selbst, die Selbsterkenntnis und Selbstbegrenzung 
und durch beides Selbstbefreiung ist. So vertieft sich dann 
auch der Wille zum Vernunftwillen, zur „praktischen Ver¬ 
nunft", über deren Autonomie und Autotelie (Selbstgesetz¬ 
lichkeit und Selbstzwecklichkeit) uns Kant belehrt hat. Doch 
ist auch das nicht das Letzte. Der Wille erreicht bestenfalls 
Gleichheit, aber nicht Freiheit. Das konnte Kant übersehen, 
vielleicht weil ihm die Freiheit etwas so Selbstverständliches 
war, daß er vergaß, ihr erst diesen tieferen Grund zu legen. 
Sie konnte ihm im Gleichheitsgesetze des Willens (seinem 
„kategorischen Imperativ") schon unmittelbar zutage zu 
liegen scheinen, weil er sie darunter ohne weiteres mitdachte. 
Aber das bloße Gesetz der Gleichheit befreit nicht, sondern 
droht, ohne den tieferen Grund der Freiheit, den wir Schöp¬ 
fung nennen, die Gleichheit selbst zu versteinern und erstarren 
zu machen; sie wird dann vor allem unfähig, Individuität zu 
begründen, die durch keine Gleichheit der Vielen heraus¬ 
kommen, sondern nur im tieferen Grunde der Unmittelbar¬ 
keit, den wir unter Schöpfung verstehen, wurzeln kann.
	        

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