Full text: Vorlesungen über praktische Philosophie

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Kap. VI. § 105. 
Empfindung. Die Kantische „Anschauung" bewahrt also, 
den Kantischen Kategorien gegenüber, die durchaus Denk- 
und nicht Anschauungsformen sein sollen, stets den Charakter 
des (relativ) Materialen, welches zwar selbst wieder ein for¬ 
males Moment, nämlich die selbst anschaulichen Ordnungs¬ 
weisen Zeit und Raum einschließt, aber als Ganzes, als An¬ 
schauungsmaterie in Anschauungsform, wiederum Materie ist 
für die höhere, nämlich Denkform, die Kategorie. Das machen 
wir nun nicht mit. Formung ist Kategorisierung, Kategori- 
sierung ist Formung in jedem Fall; sind also Zeit und Raum 
Formungsweisen, so sind sie damit Kategorien. Ja auch die 
Empfindung als das zu Formende, also notwendig der For¬ 
mung auch Empfängliche, kann sich der Kategorie nicht ent¬ 
ziehen. Kant selbst müßte das eigentlich zugeben. Soll die 
kategoriale Formung gerade als Letztes, Höchstes und als 
Ganzes Wirklichkeit begründen, so ist es sehr auffallend, daß 
auch nach Kant Wirklichkeitserfassung nicht anders zustande 
kommt als durch Empfindung (nicht bloß Anschauung). In 
der Tat: erkennt man in der Empfindung das aktive Moment 
an, welches bei Kant in der transzendentalen Apprehension, 
als Aufnahme in die (synthetische) Tätigkeit, anerkannt 
wurde, so wird es von da aus verständlich, daß sie auch zur 
Wirklichkeitserfassung wesentlich vorbedingend ist. Aber die 
Wirklichkeit könnte nimmermehr durch sie allein und als 
solche begründet werden. Ist Empfindung im günstigsten 
Fall nur erst „Aufnahme in die Tätigkeit", so kann nur in 
deren voller Entfaltung, ja in ihrer Durchführung bis zum 
erreichbaren Abschluß, Wirklichkeit erreicht werden. Über¬ 
haupt nur der kategoriale Gesamtzusammenhang, nicht 
irgendwelche einzelne kategoriale Faktoren, können sie be¬ 
gründen. Wirklichkeit besagt Einstellung nicht bloß in 
irgendwelche Zusammenhänge überhaupt, sondern in den 
Einheits- und Einzigkeitszusammenhang alles Gegebenen und 
weiter sich Gebenden. Also ist nicht weniger als das ganze
	        

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