Full text: Vorlesungen über praktische Philosophie

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Kap. VI. § 104. 
welches an Abmessung, Gleichheit der Abstände u. dgl. an 
sich gar nicht gebunden ist, aber freilich auch das Moment der 
Gesetzlichkeit, des immer gleichen Verhaltens einschließt. 
Doch ist diese Gleichheit schon hier nicht mehr eine bloß 
quantitative, sondern qualitative. Die bloß quantitative Fort¬ 
erstreckung würde immer diskontinuierlich, von Punkt zu 
Punkt springend bleiben; die Kontinuität, die gerade im Pro¬ 
ducere, im Ziehen der Linie usw., überhaupt in dem von Kant 
doch in seiner Wichtigkeit keineswegs verkannten Momente 
der Bewegung deutlich liegt, käme gar nicht zustande ohne 
dies überquantitative, wesentlich qualitative Sichgleichblei- 
ben, die Identität der Richtung des Fortgangs. Diese über¬ 
windet zugleich das Stehenbleiben in bloß endlichen, wenn 
auch ohne Ende weiter, doch immer wieder nur in endlichen 
Schritten, endlichen Abteilungen sich vollziehenden Setzun¬ 
gen; „Setzungen“, welche dann den eigentlichen Sinn der 
Festlegung, sei es auch unendlicher, ja unendlichfach unend¬ 
licher, doch immer starr bleibender Einzelsetzungen bewahren 
würden. Damit aber berühren wir schon die obere Grenze der 
bloßen „Anschauung“; denn diese soll, wie die Empfindung, 
doch sinnlich unmittelbar und, wenn auch nicht bloß gegeben, 
sondern selbst gebend, so doch eben damit festlegend bleiben. 
Anschauung ist für Kant, gleichviel ob als formale oder auch 
material bestimmte, immer in sich abgeschlossen, vorliegend, 
bildhaft vor Augen stehend, „Darstellung in concreto“, ja „in 
individuo“, und das heißt ihm „gegeben“, oder bzw. gebend. 
Aber eben in der Wendung vom passiven Gegebenwerden (wie 
von außen) zum aktiven Geben (vom Anschauenden selbst 
her) lag wenigstens die Möglichkeit, diese Starrheit der Ge- 
bung zu überwinden; denn das letzte Gebende kann dann 
selbst nicht mehr ein Gegebenes, in sich Starres, Gebundenes 
bleiben. Aber diese Folgerung wird bei Kant nicht deutlich 
gezogen, und so wird auch der Fortgang von der Punktsetzung 
der Empfindung zum Linienzug der produzierenden und nur
	        

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