Full text: Vorlesungen über praktische Philosophie

Theoretik. 
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Empfindung sondert. Anschauung als formale; diese wandelt 
sich ihm dann (in der„TranszendentalenDeduktion" der reinen 
Verstandesbegriffe) vollends in eine zweite Stufe der Syn¬ 
thesis, die Synthesis der Reproduktion, die sich weiterhin 
vertieft zu einer ursprünglichen Produktivität der „Einbil¬ 
dungskraft“, deren Sinn am deutlichsten und lebendigsten 
wird an den Beispielen, auf die Kant sicht stützt; eine Linie 
gibt es für uns nur, indem wir sie ziehen, eine Zeiterstreckung 
ebenso nur, indem wir sie in Gedanken durchlaufen. Dies 
Moment der Bewegung, des Fortgangs von Punkt zu Punkt, 
also von der Empfindung zu Empfindung, ist es eigentlich, 
worauf es hierbei ankommt und worauf alles, was über diesen 
zweiten Faktor der Sinnlichkeit bei Kant gesagt wird, eigent¬ 
lich hinausläuft. Der Ausdruck der „Produktion“ wäre hier¬ 
bei am klarsten nach dem genauen Wortsinn zu verstehen: 
als das Producere, das Fort- oder Vorwärts-führen, so wie 
eben das Ziehen einer Linie, im Raume und entsprechend in 
der zeitlichen Erstreckung, ein Vorwärtsführen ist. Auch die 
„Reproduktion“ hebt daran nur das Methodische hervor, daß 
das Fortschreiten in immer gleichen Schritten, daher in einer 
Reihenordnung wie von 0 zu 1 zu 2 usf., in stets gleicher Be¬ 
ziehung jedes Einzelgliedes zum voraufgehenden und folgen¬ 
den, geschieht. So scheint das Formen zu etwas sehr Un¬ 
scheinbarem zu werden, eben zum bloßen Linienziehen, Ver¬ 
bin dungen-schlagen, und das gar in starrer Regelmäßigkeit, 
wie ja überhaupt bei Kant die „Einheit der Regel“ überall 
eine übertriebene, den konkreten Vorgängen im Erkennen 
keineswegs entsprechende Rolle spielt. Hier hat ersichtlich 
die allzu einseitige Orientierung an der Mathemathik verleitet, 
auf das Motiv des Messens ein übertriebenes Gewicht zu legen, 
welches für sich allein doch nicht einmal für das rein Mathe¬ 
matische, geschweige für irgend etwas darüber Hinausgehen¬ 
des ausreicht. Es verschwindet ganz schon das für die Mathe¬ 
matik selbst wesentlich noch geforderte Moment der Richtung,
	        

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