Full text: Vorlesungen über praktische Philosophie

16 
Kap. I. § 9. 
endlichen ausgedrückt wurde, der unteren und oberen lo¬ 
gischen Grenze, die nichts weniger als identisch sind, viel¬ 
mehr den weitesten logischen Abstand, den absoluten Gegen¬ 
satz bezeichnen des Nicht und des Icht, des reinen, allen Ja- 
Sinns noch ledigen Nein und des ebenso reinen, allen Nein- 
Sinn überwindenden und hinter sich lassenden Ja; oder des 
Nichts und des Alls. Nur das haben beide gemein, was eben 
den gemeinsamen Gegensatz gegen die mittlere Phase, die 
der Endlichkeit, des Nimmer-Endens begründet: daß sich 
beide gegen diese nur als Grenzen (untere und obere Grenze) 
verhalten und als solche vom mittleren Bereiche aus (in dem 
wir ja immer stehen) nur verneinend, nach dem was sie nicht 
sind, nicht nach dem was sie sind, bezeichnet werden können. 
Aber dies Nicht-sein hat bei beiden nicht den gleichen, son¬ 
dern voll entgegengesetzten Sinn; es ist im einen Fall über¬ 
haupt nicht (noch nicht) Heranreichen, im andern schon 
ganz darüber Hinaussein, überwunden und unter sich haben. 
§ 9. Sehr klar wird das Verhältnis der drei Phasen an 
ihrem Verhalten zu Spruch und Widerspruch. Die erste 
war die Phase der Möglichkeit. Das ist noch nicht Wider¬ 
spruch, obgleich sie ihn in sich birgt. Denn es hat noch gar 
nicht gesprochen, es will erst sprechen, hebt erst zu sprechen 
an. Also gibt es noch gar nicht Spruch und Widerspruch, 
also auch nicht Gegeneinanderspruch, Widerspruch, Kontra¬ 
diktion. Wohl aber kann gesagt werden: es liegt darin 
schon der Sinn der Frage : Ist es oder ist es nicht ? Als Frage 
aber birgt es schon in sich den Sinn, der sich dann auch wird 
aussprechen wollen, es zielt auf Aussprache, aber bleibt noch 
in der Schwrebe zwischen „es ist“ und „es ist nicht“. Es be¬ 
zeichnet eben damit den Punkt des Auseinandertretens, den 
Punkt der Genesis, des Werdens, noch nicht Seins. Es ist 
nicht Entstandensein, aber Im-Entstehen-sein; Sein 
also immerhin, nicht schlechthin Nichtsein. Es „ist“ nur 
noch nicht, nämlich nicht im Sinne der zweiten Seinsphase;
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.