Full text: Mythus und Kultur

56 
Mythus und Kultur 
lassen. So ist es mit jedem wahren Kunstwerk, in dem 
jedes, als ob eine Unendlichkeit von Absichten darin 
wäre, einer unendlichen Auslegung fähig ist, wobei 
man doch nie sagen kann, ob diese Unendlichkeit im 
Künstler selbst gelegen habe oder aber bloß im Kunst¬ 
werke liege.“ Und wenige Seiten später: „Es ist nichts 
im Kunstwerk, was nicht ein Unendliches unmittelbar 
oder wenigstens im Reflex darstellt.“ — 
* * 
* 
D. 
Indem die mythische Verabsolutierung der 
Kunst seitens der Romantik durch das Be¬ 
dürfnis nach einem Symbol für das Erlebnis über¬ 
rationaler Tiefe entsteht, ist nun auch der zweite große, 
für sie charakteristische Mythus gegeben, der von 
der Religion. Wären für die Romantik die Grenzen 
zwischen Kunst und Religion nicht so fließend, ginge 
nicht durch die Vermittlung der Idee der Unendlich¬ 
keit ein Gebiet notwendig und organisch in das andere 
über, so könnte der Zweifel entstehen, welcher Mythus, 
der der Kunst oder der der Religion, von ausschlag¬ 
gebender Bedeutung für sie sei. Jedenfalls hat ihr 
Mythus von der Kunst entschieden religiöse Färbung 
und ihr Mythus von der Religion künstlerische Fär¬ 
bung. So wird es verständlich, daß trotz und neben 
aller Verabsolutierung der Kunst und der Lobpreisung 
ihres Unendlichkeits- und Ewigkeitscharakters Wil¬ 
helm Schlegel in den Vorlesungen «Über drama¬ 
tische Kunst und Literatur» sagen kann: „Die Religion 
ist die Wurzel des menschlichen Daseins. Wäre es dem 
Menschen möglich, alle Religion, auch die unbewußte 
und unwillkürliche zu verleugnen, so würde er ganz 
Oberfläche werden und kein Inneres mehr haben. 
Wenn dieses Zentrum verrückt wird, so muß sich
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.