Full text: Mythus und Kultur

Typische Sondermythen 
53 
lösende, das allem Leben erst seinen Sinn und Gehalt 
schenkt, und auf das hin alle Erscheinungen projiziert 
werden müssen, soll ihnen Charakter und Wert zu¬ 
fließen : diese Rolle und Kraft ist vielmehr der Kunst 
eigen. Diese übt eine durchaus mythische Funktion, 
wie sich denn in dieser Wertungsart der Kunst die 
kulturschöpferische Leistung des Mythus in ästheti¬ 
scher Sonderausprägung bekundet. „Die Kunst,“ so 
heißt es in Wackenroders «Herzensergießungen 
eines kunstliebenden Klosterbruders», „schmelzt das 
Geistige und Unsinnliche auf eine so rührende und 
bewundernswürdige Weise in die sichtbaren Gestalten 
hinein, daß unser ganzes Wesen und alles, was an uns 
ist, von Grund auf bewegt und erschüttert wird.“ 
Und weiter in demselben Zusammenhang: „Die 
Kunst... schließt uns die Schätze in der menschlichen 
Brust auf, richtet unseren Blick in unser Inneres und 
zeigt uns das Unsichtbare, ich meine alles, was edel, 
groß und göttlich ist, in menschlicher Gestalt... Die 
Kunst stellt uns die höchste menschliche Vollendung 
dar.“ In dem nur wenige Seiten umfassenden Aufsatz: 
«Die Ewigkeit der Kunst», der die Steigerung der 
Kunst zum sinndeutenden und erlösenden Mythus in 
aller Stärke ausdrückt, heißt es geradezu: „Alles, was 
vollendet ist, das heißt, was Kunst ist, ist ewig und 
unvergänglich ... ein vollendetes Kunstwerk trägt die 
Ewigkeit in sich selbst... In der Vollendung der 
Kunst sehen wir am reinsten und schönsten das ge¬ 
träumte Bild eines Paradieses, einer unvermischten 
Seligkeit... In sich selbst trägt die Gegenwart der 
Kunst ihre Ewigkeit und bedarf der Zukunft nicht, 
denn Ewigkeit bezeichnet nur die Vollendung.“ Die 
Kunst hebt uns, unser irdisches Dasein über Tod und 
Vergänglichkeit hinaus, da sie „in sich keine Be¬ 
dingungen kennt, und ihr Ganzes keine Teile hat... 
Laßt uns darum unser Leben in ein Kunstwerk ver¬
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.