Full text: Ethik

wenn der Gegenstand der Seele niemals verkehrt oder 
sonstwie unpassend, sondern geziemend, recht und der 
auf ihn gewandten Meinung und Neigung würdig ist. 
Denn nehmen wir einen Menschen, dessen Verstand und 
Triebe gesund und vollständig sind, dessen Körperbau 
oder -konstitution aber nichtsdestoweniger so schlecht 
ist, daß die natürlichen Gegenstände durch seine Sinnes¬ 
organe wie durch falsche Gläser ihm falsch übermittelt 
und unrichtig vorgestellt werden: so können wir, wie jeder 
gleich bemerken wird, einen solchen nicht für boshaft oder 
ungerecht halten, da der Fehler nicht in dem herrschenden 
oder leitenden Organ liegt. 
Anders verhält es sich mit Meinungen, Glaubenslehren 
oder Spekulationen. Denn die Ungeheuerlichkeiten im 
Glauben und Meinen gehen so weit, daß in einigen Län¬ 
dern selbst Affen, Katzen, Krokodile und andere niedrig¬ 
stehende oder schädliche Tiere für heilig gehalten und 
sogar als Gottheiten verehrt werden. Sollte nun ein 
Anhänger der Religion oder des Glaubens dieser Länder 
überzeugt sein, es wäre recht, ein Geschöpf wie eine Katze 
lieber zu retten als seinen Vater, und glauben, andere 
Menschen, die nicht dieselbe religiöse Meinung hätten, 
müßten als Feinde behandelt werden, bis sie bekehrt 
wären: so wäre das an dem Gläubigen unrecht und 
schlecht, und jede Handlung, die sich auf diesen Glauben 
gründete, wäre boshaft, schlecht und lasterhaft. 
Und so muß alles, was Mißverständnis oder falsche 
Auffassung von Würde und Wert eines Gegenstandes 
veranlaßt und dadurch einen richtigen Trieb vermindert, 
einen falschen, unregelmäßigen und ungeselligen aber 
erregt, notwendig die Veranlassung von Unrecht sein. 
Daher ist der, welcher einem anderen Neigung und Liebe 
entgegenbringt um einer Eigenschaft willen, die für ehren¬ 
haft gilt, die aber in Wirklichkeit schlecht ist, selbst 
schlecht und böse. Die Anfänge dieser Verderbnis können 
bei manchen Vorkommnissen bezeichnet werden. Wenn 
etwa ein ehrgeiziger Mann durch den Ruf seiner großen 
Taten, ein Eroberer oder Seeräuber durch seine gerühm¬ 
ten Unternehmungen bewirkt, daß ein anderer den un¬ 
sittlichen und unmenschlichen Charakter jenes, der Ab¬ 
scheu verdient, achtet und bewundert: dann wird der¬ 
jenige, welcher das Böse, das er hört, im geheimen billigt, 
verderbt. Auf der anderen Seite aber ist der Mensch, der 
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