Full text: Ethik

zu unterscheiden, Töne zu sondern, und jedes Gefühl, 
jeden Gedanken, der ihr vorkommt, zu prüfen. Sie kann 
nichts ihrer Beurteilung entgehen lassen. Sie fühlt das 
Sanfte und Rauhe, das Angenehme und Unangenehme 
in den Affekten. Sie findet Häßliches und Schönes, Har¬ 
monie und Dissonanz hier so wirklich und so wahr, wie 
in musikalischen Rhythmen oder den äußeren Formen 
und Darstellungen sinnlicher Dinge, und kann ihre Be¬ 
wunderung und ihr Entzücken, ihren Abscheu und ihre 
Verachtung bei jenen Gegenständen so wenig zurück¬ 
halten wie bei diesen. Das Gefühl des Erhabenen und 
Schönen in den Dingen zu leugnen, wird also jedem, der 
die Sache gehörig erwägt, als unhaltbares Vorgeben er¬ 
scheinen. 
Wie nun bei sinnlichen Gegenständen die Gestalten 
oder Bilder der Körper, Farben und Töne uns beständig, 
selbst im Schlafe vor Augen schweben und auf unsere 
Sinne wirken, so liegen auch die Formen und Bilder der 
moralischen und intellektuellen Dinge zu allen Zeiten, 
auch wenn die eigentlichen Gegenstände selbst abwesend 
sind, nicht weniger wirksam in der Seele. 
Bei diesen uns umschwebenden Eindrücken oder Bil¬ 
dern von Verhaltungsweisen, welche sich die Seele mit 
Notwendigkeit bildet und immer mit sich herumträgt, 
kann das Herz unmöglich neutral bleiben, sondern es 
nimmt stets auf die eine oder andere Art Partei. So falsch 
und verderbt es an sich auch sein mag, es findet den 
Unterschied an Schönheit und Anmut zwischen einem 
Herz und dem anderen, zwischen einer Richtung der 
Triebe, einem Verhalten, einem Gefühl und dem anderen 
und muß dementsprechend in allen Fällen, wo es nicht 
interessiert ist, in gewissem Maße das Natürliche und 
Rechtschaffene billigen, das Unrechtschaffene und Ver¬ 
derbte mißbilligen. 
Indem so die_ verschiedenen Regungen, Neigungen, 
Leidenschaften, Veranlagungen und das daraus folgende 
Betragen und Verhalten der Wesen auf den mancherlei 
Gebieten des Lebens sich der Seele in verschiedenen 
Ansichten und Perspektiven darstellen und diese rasch 
unterscheidet, was für die Gattung oder das Allgemeine 
gut und böse ist: so entsteht dadurch eine neue Probe und 
Übung des Herzens. Denn dieses muß sich entweder in 
richtiger und gesunder Weise dem, was gerecht und richtig 
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