Full text: Ethik

die uns ein erleuchteter Verstand darstellet, also daß wir 
den Hauptquell, Lauf und Endzweck aller Dinge, und 
unglaubliche Vortreflichkeit der Alles in sich begreifen¬ 
den, höchsten Natur erfahren, und dabei über die Un¬ 
wissenden empor gehoben werden, gleich als ob wir aus 
den Sternen herab die irdischen Dinge unter unsern 
Füßen sehen könnten. Zumal wir endlich daraus gar 
erlernen, daß wir Ursach haben, über alles, so bereits 
geschehen, und auch das noch geschehen soll, uns zum 
höchsten zu freuen, doch, daß wir gleichwohl suchen, 
was noch nicht geschehen, so viel an uns, auf das Beste 
zu richten. Denn das ist eins der ewigen Gesetze der 
Natur, daß wir der Vollkommenheit der Dinge und der 
daraus entstehenden Lust nach Maaß unsrer Erkenntniß, 
guter Neigung und Vorgesetzten Beitrags genießen werden. 
Wenn nun eine hohe Person dieses erlanget, also daß 
sie auch mitten in allem Ueberfluß und Ehren dennoch 
ihre große Vergnügung findet in den Wirkungen ihres 
Verstandes und ihrer Tugend, die halte ich doppelt für 
hoch. Vor sich, wegen dieser ihrer Glückseligkeit und 
wahren Freude, für Andere aber, weil ganz gewiß, daß 
diese Person wegen ihrer Macht und Ansehens kann und 
wird auch vielen andern Licht und Tugend mittheilen, 
indem eine solche Mittheilung eine Rückstrahlung auf 
sie selbst machet, und die, so dergleichen gemeinsamen 
Zweck haben, in Untersuchung der Wahrheit, Erkennt¬ 
niß der Natur, Vermehrung menschlicher Kräfte und 
Beförderung ihres gemeinen Besten einander helfen und 
neues Licht geben können. 
Erscheinet also die hohe Glückseligkeit hoher und 
dabei erleuchteter Personen daraus, daß sie zu ihrer 
Glückseligkeit so viel thun können, als wenn sie tausend 
Hände und tausend Leben hätten, ja als wenn sie tausend¬ 
mal so lange lebten, als sie thun. Denn so viel ist unser 
Leben für ein wahres Leben zu schätzen, als man darin 
wohlthut. Der nun viel wohlthut in kurzer Zeit, der ist 
dem gleich, so tausendmal länger lebet; welches bei 
denen statt findet, so machen können, daß tausend und 
aber tausend Hände mit ihnen wirken; dadurch in wenig 
Jahren mehr Gutes geschehen kann zu ihrem höchsten 
Ruhm und Vergnügen, als sonst viel hundert Jahre nicht 
bringen könnten. 
Die Schönheit der Natur ist so groß, und deren Be- 
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