Full text: Ethik

beiden besteht ein Gegensatz; es ist ja auch das sinnlich 
wahrnehmbare Haus nicht identisch mit dem in der Idee, 
und doch ist es ihm ähnlich, und das sinnlich wahrnehm¬ 
bare Haus nimmt teil an der Ordnung und Regelmäßig¬ 
keit, während dort in der Idee weder Ordnung noch 
Regelmäßigkeit noch Ebenmaß zu finden ist. Ebenso in 
unserm Fall: Wir erhalten von dorther Ordnung, Regel¬ 
mäßigkeit und Einklang, alles Eigenschaften der Tugend 
hier unten, das Geistige aber dort oben bedarf nicht des 
Einklangs, der Regelmäßigkeit oder der Ordnung, eben¬ 
sowenig bedarf es der Tugend, aber nichtsdestoweniger 
werden wir ihm durch die Gegenwart der Tugend ähnlich. 
Das soll genügen, um darzutun, daß nicht notwendig 
auch dort Tugend zu sein braucht. Indessen müssen wir 
dieser Darlegung auch noch Überredung verleihen, und 
uns nicht bloß mit der zwingenden Kraft des Beweises 
begnügen. 
2. Nehmen wir also zuerst die Tugenden vor, durch die 
wir Gott ähnlich werden können und sehen wir zu, welche 
Art Gleichheit besteht zwischen dem Abbild, der lugend 
in unserer Seele, und dem Prinzip, dem Urbild der Tugend 
im Geistigen, das selbst nicht mehr Tugend ist. Es gibt 
zwei Arten von Ähnlichkeit: Bei der einen sind die beiden 
ähnlichen Dinge ihrer Natur nach identisch, indem sie 
beide von dem nämlichen Prinzip ausgehen; die andere 
Art der Ähnlichkeit kommt daher, daß ein Ding dem an¬ 
dern ähnlich ist, das früher als es selbst und das ein Prinzip 
ist; in diesem zweiten Fall gibt es keine Wechselbeziehung 
der Ähnlichkeit, das Prinzip ist nicht ähnlich dem, das ihm 
nachsteht und unter ihm ist. Was ist nun eigentlich die 
Tugend, die ganze sowohl als auch jede einzelne? Die 
Untersuchung wird deutlicher werden, wenn wir von der 
einzelnen Tugend ausgehen; es wird sich dann auch leicht 
das Gemeinsame finden lassen, demgemäß sie alle Tugen¬ 
den sind. 
Die bürgerlichen Tugenden, von denen wir eben ge¬ 
sprochen haben, schmücken und bessern uns wirklich, 
denn sie begrenzen und mäßigen dieBegierdenundLeiden- 
schaften, sie befreien uns von falschen Meinungen und 
geben unserem Wesen ein gewisses Maß, da sie selbst ein 
gewisses Maß besitzen. Dieses Maß, das sie unserer Seele 
verleihen, wie eine Form der Materie, gleicht dem Maß 
in der Geisteswelt und ist eine Spur dessen, was dort das 
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