Volltext: Ethik

Menon. Ja, das müssen wir wohl nunmehr unter¬ 
suchen . 
Sokrates. Wie nun ? Erklären wir die Tugend nicht 
für ein Gut, und ist dies nicht unsere feste Voraussetzung, 
daß sie ein Gut sei ? 
Menon. Ohne Zweifel. 
Sokrates. Wenn es nun irgendein anderes Gut gibt, 
das ohne Wissen bestehen kann, dann wäre es möglich, 
daß die Tugend kein Wissen wäre. Wenn es aber kein 
Gut gibt, das nicht auf Wissen beruht, dann würden wir 
mit der Annahme, daß sie ein Wissen sei, das Richtige 
treffen. 
Menon. So ist es. 
Sokrates. Gut aber sind wir doch vermöge der 
lugend. 
Menon. Ja. 
Sokrates. Wenn aber gut, auch nützlich; denn alles 
Gute ist nützlich. Nicht wahr ? 
Menon. Ja. 
Sokrates. Also ist die Tugend doch etwas Nütz¬ 
liches ? 
Menon. Notwendig nach dem Zugegebenen. 
Vierundzwanzigstes Kapitel. 
Sokrates. Laß uns nun mit unserer Betrachtung 
ins einzelne gehen und Zusehen, was für Dinge uns 
nützlich sind. Gesundheit, Kraft, Schönheit und Reich¬ 
tum, das und dergleichen sind doch die Dinge, die wir 
nützlich nennen. Nicht wahr? 
Menon. Ja. 
Sokrates. Ebendieselben erklären wir aber auch 
zuweilen für schädlich. Oder bist du anderer Meinung? 
Menon. Nein, auch ich denke so. 
Sokrates. Erwäge nun, was für die Nützlichkeit 
oder Schädlichkeit dieser Dinge in jedem einzelnen Falle 
maßgebend ist. Macht nicht richtiger Gebrauch sie 
nützlich, unrichtiger aber schädlich? 
Menon. Allerdings. 
Sokrates. Laß uns also weiter die Seelenzustände 
betrachten. Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Ge¬ 
lehrigkeit, Gedächtniskraft, Großmut sowie alles derglei¬ 
chen sind dir doch wohlbekannte Namen ? 
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