Full text: Ethik

Wie wir oben den Bösen, durch die Heftigkeit seines 
Wollens, beständige, verzehrende, innere yual leiden 
und den grimmigen Durst des Eigenwillens zuletzt, wenn 
alle Objekte des Wollens erschöpft sind, am Anblick 
fremder Pein kühlen sahen; so ist dagegen Der, in wel¬ 
chem die Verneinung des Willens zum Leben aufge¬ 
gangen ist, so arm, freudelos und voll Entbehrungen sein 
Zustand, von Außen gesehen, auch ist, voll innerer 
Freudigkeit und wahrer Himmelsruhe. Es ist nicht der 
unruhige Lebensdrang, die jubelnde Freude, welche hef¬ 
tiges Leiden zur vorhergegangenen, oder nachfolgenden 
Bedingung hat, wie sie den Wandel des lebenslustigen 
Menschen ausmachen; sondern es ist ein unerschütter¬ 
licher Friede, eine tiefe Ruhe und innige Heiterkeit, ein 
Zustand, zu dem wir, wenn er uns vor die Augen oder 
die Einbildungskraft gebracht wird, nicht ohne die 
größte Sehnsucht blicken können, indem wir ihn sogleich 
als das allein Rechte, alles Andere unendlich über¬ 
wiegende anerkennen, zu welchem unser besserer Geist 
uns das große sapere aude zuruft. Wir fühlen dann wohl, 
daß jede der Welt abgewonnene Erfüllung unserer 
Wünsche doch nur dem Almosen gleicht, welches den 
Bettler heute am Leben erhält, damit er morgen wieder 
hungere; die Resignation dagegen dem ererbten Land¬ 
gut: es entnimmt den Besitzer aller Sorgen auf immer. 
Indessen dürfen wir doch nicht meinen, daß, nachdem 
durch die zum Quietiv gewordene Erkenntnis, die Ver¬ 
neinung des Willens zum Leben einmal eingetreten ist, 
sie nun nicht mehr wanke, und man auf ihr rasten könne, 
wie auf einem erworbenen Eigentum. Vielmehr muß 
sie durch steten Kampf immer aufs Neue errungen wer¬ 
den. Denn da der Leib der Wille selbst ist, nur in der 
Form der Objektität, oder als Erscheinung in der Welt 
als Vorstellung; so ist, so lange der Leib lebt, auch noch 
der ganze Wille zum Leben seiner Möglichkeit nach da, 
und strebt stets in die Wirklichkeit zu treten und von 
Neuem mit seiner ganzen Glut zu entbrennen. Daher 
finden wir im Leben heiliger Menschen jene geschilderte 
Ruhe und Seligkeit nur als die Blüte, welche hervor¬ 
geht aus der steten Ueberwindung des Willens, und 
sehen, als den Boden, welchem sie entsprießt, den be¬ 
ständigen Kampf mit dem Willen zum Leben: denn 
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