Full text: Ethik

wissenheit versteckt, was eigentlich das für eine Fülle 
sei, wohin ein anderes kommen sollte ? 
§ 92. Das dritte Verhältnis besteht zwischen der Vor¬ 
stellung von einem fremden Wollen, und dem, entweder 
einstimmenden, oder sich entgegensetzenden, eigenen 
Wollen. Es ist Befriedigung des fremden Wollens, welche 
der eigene Wille unmittelbar zu seinem Gegenstände 
macht. Das so bestimmte Verhältnis ergibt die Idee des 
Wohlwollens oder Übelwollens. Dasselbe Verhältnis 
ist ganz und gar ein inneres und eingeschlossen in der 
Gesinnung einer einzelnen Person. Es ist unter allen sitt¬ 
lichen Verhältnissen dasjenige, welches am unmittel¬ 
barsten und bestimmtesten den Wert oder Unwert der 
Gesinnung angibt. Völlig fremd ist hier die Frage nach 
dem Wohlsein, welches aus dem Wohlwollen entspringen 
könnte; ebenso fremd der Begriff der Passivität, die in 
der bloßen Mitempfindung liegen würde. 
Anmerkung. Die Idee des Wohlwollens ist der 
Hauptgedanke der christlichen Sittenlehre; sie verlangt 
Liebe. Wer hier die gebietende Form für wesentlich 
hält; wer das Wohlwollen nicht in seiner Schönheit, das 
Übelwollen nicht in seiner Häßlichkeit vor Augen hat: 
der wird auf ebenso gezwungene Erklärungen verfallen, 
als Kant in der Krit. d. prakt. Vern. S. 147 [Werke 
herausg. v. Hartenstein Bd. IV. S. 195] gegeben hat. 
§ 93. Das vierte Verhältnis, ein bloß mißfallendes, 
ist das des Streits; zu welchem zwei streitende Per¬ 
sonen, und ein Gegenstand des Streits erfordert werden. 
Im Streite liegt kein Übelwollen, denn die beiden Willen 
sind hier unmittelbar auf den Gegenstand, und nur un¬ 
mittelbar wider einander gerichtet. 
Die Vermeidung des Streits führt auf die Notwendig¬ 
keit des Rechts, welches seiner Materie nach allemal 
positiv, d. h. aus willkürlicher Feststellung mehrerer ein¬ 
stimmenden Willen entsprungen ist. Hingegen die Gültig¬ 
keit und Heiligkeit alles Rechts beruht auf dem Mi߬ 
fallen am Streit; und kann nicht ohne sehr gefährliche 
Verwechslungen der Begriffe auf andere Grundlagen ge¬ 
baut werden. 
Anmerkung. Cicero, im ersten Buche von den Ge¬ 
setzen, sagt sehr schön: Omnium, quae in hominum 
doctorum disputatione versantur, nihil est 
praestabilius, quam plane intelligi, nos ad 
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