Full text: Ethik

doch wir ebenso wie alles andere, was gut ist, durch die 
Anwesenheit einer gewissen Vollkommenheit (Tugend) ? 
Mir wenigstens scheint das notwendig zu sein, mein Kalli- 
kles. Aber die Vollkommenheit (Tugend) jeglichen Dinges, 
sei es ein Geräte oder Körper oder Seele oder irgendein 
beliebiges Geschöpf, stellt sich doch wahrlich nicht wie 
zufällig in voller Schönheit ein, sondern durch Ordnung 
und Regel und Kunst, wie sie sich für ein jedes dieser 
Dinge schickt. Ist es so? Meiner Meinung nach, ja. 
Ist nicht die Tugend eines jeden Dinges etwas durch 
Ordnung Bestimmtes und Wohlgestaltetes? Ich wenig¬ 
stens möchte es bejahen. Also eine gewisse einem jeden 
Dinge eigentümliche Wohlgestalt ist es, deren Eintritt 
jegliches Ding in der Welt gut macht ? Mir wenigstens 
scheint es so. Eine Seele also, welche die ihr eigentümliche 
Wohlgestalt hat, ist besser als eine ungestalte? Not¬ 
wendig. Nun ist aber diejenige, welche Wohlgestalt hat, 
eine (sittlich) wohlgestaltete? Wie sollte sie das nicht? 
Die wohlgestaltete aber ist besonnen ? Unbedingt. Die 
besonnene Seele also ist gut. Ich weiß nichts anderes 
zu sagen als dieses, mein lieber Kallikles. Weißt du 
etwas anderes, so halte nicht damit zurück. 
Kallikles. Du hast das Wort, mein Bester. 
Sokrates. So sage ich denn: Wenn die besonnene 
Seele gut ist, so ist die, welche sich in dem entgegenge¬ 
setzten Zustand befindet wie die besonnene, schlecht. Das 
war aber doch die unverständige und zuchtlose ? Ja. Und 
der Besonnene wird doch tun, was recht ist gegenüber 
Göttern wie Menschen ? Denn er wäre doch nicht be¬ 
sonnen, wenn er nicht täte, was recht ist ? Damit ver¬ 
hält es sich notwendig so. Handelt er nun gegenüber den 
Menschen recht, so handelt er gerecht, gegenüber den 
Göttern aber fromm. Wer aber gerecht und fromm han¬ 
delt, der ist doch notwendig selbst gerecht und fromm ? 
Ja. Und auch tapfer ist er notwendig. Denn ein be¬ 
sonnener Mann wird nimmermehr erstreben oder meiden, 
was er nicht soll, sondern er wird meiden und erstreben, 
was er soll, seien es Sachen oder Menschen oder Lüste 
oder Schmerzen, und wird wacker standhalten, wo es 
die Pflicht gebietet. Mithin ist es unbedingt notwendig, 
mein Kallikles, daß der besonnene Mann, wie er sich 
uns in der Untersuchung darstellte als gerecht, tapfer 
und fromm, auch ein vollkommen guter Mann ist, und 
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