Full text: Ethik

tragung übrig bleibt? Wohl nur dieses. Das Soll des 
bürgerlichen Gebotes ergeht an alle die unter derselben 
anmutenden Autorität stehn. Sofern ich also etwas will 
und mir dabei bewußt bin, daß dieser Wille ein allge¬ 
meiner Akt der menschlichen Vernunft ist, unter deren 
anmutendem Ansehen alle stehen, so drücke ich ihn durch 
Soll aus,weil alle anderen mir dasselbe anmuten können, 
so gut als ich ihnen. Dieses angenommen, wird man nun 
wohl sagen können, daß auf dem sittlichen Gebiet Gesetz 
und Sollen genau miteinander verbunden sind, indem 
auch das Soll nichts anders aussagt als die Allgemeinheit 
der sittlichen Bestimmung. Ob nun aber alles Sittliche 
unter dieser Form ausgesprochen werden kann, das wäre 
eine andere Frage. Denn jeder Entschluß, der als ein rein 
individueller entsteht, kommt nicht mit diesem Soll zum 
Bewußtsein, sondern als ein eigentümlicher aber ver¬ 
nunftmäßiger Wille, und nur die zweite Frage, inwiefern 
einem solchen ohne Soll auftretenden, auf ein soge¬ 
nanntes Erlaubtes gehenden Willen gefolgt werden darf, 
läßt sich wieder auf ein Gesetz zurückführen. Und dies 
wäre dann freilich ein Unterschied zwischen Naturgesetz 
und praktischem Vernunftgesetz, daß alles Natürliche, 
wie es geschieht, sich auf Gesetze zurückführen läßt, 
vermöge deren es geschieht, nicht aber im Gebiet der 
praktischen Vernunft alles auf solche Gesetze, vermöge 
deren es geschehen soll; nur ganz ein anderer Unterschied 
ist dies, als der gewöhnlich angenommene. 
Ehe wir aber diesen näher betrachten, entsteht uns 
noch die Frage, wie es damit steht, daß die sittlichen 
Formeln, um sie von andern auch mit dem Soll behafteten 
auf demselben Gebiet auftretenden Gesetzen oder Impe¬ 
rativen zu unterscheiden, kategorische genannt werden, 
die andern aber hypothetische. Zunächst würde man 
nun nach der Kantischen Tafel versucht, zu beiden noch 
einen dritten aufzusuchen, dessen er aber nirgends er¬ 
wähnt, nämlich den disjunktiven, welcher lauten müßte: 
Du sollst entweder dieses tun oder jenes. Die hypo¬ 
thetischen Imperative aber teilt Kant wieder in solche, 
die als praktische Prinzipien assertorisch, und in solche, 
die nur problematisch sind, wogegen der kategorische 
Imperativ apodiktisch ist. Doch gesteht er selbst zu, 
daß beide zusammenfallen würden, wenn die Klugheit 
auf einen richtigen Begriff leicht zu bringen wäre. Wenn
	        

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