Full text: Ethik

was also allerdings vorausgesetzt wird in dem Ange¬ 
redeten, das ist sein allgemeiner Wille zu gehorchen. 
Mit dem Gesetz als dem Willen des Gebietenden hängt 
also hier allerdings das Soll zusammen, keineswegs aber 
etwa mit der Strafe. Vielmehr wenn man Zuflucht zur 
Strafe nehmen muß: so verliert das Soll seine Kraft, 
und man sagt dann richtiger, Du mußt dieses tun, sonst 
wird dir jenes begegnen. Man kann sich auch denken in 
einem Gemeinwesen alle einzelnen so bereitwillig dem 
allgemeinen Willen nachzukommen, daß keine An¬ 
drohung von Strafen nötig ist den Gesetzen hinzuzu¬ 
fügen, aber doch wird ihnen das Soll anhängen als Zei¬ 
chen des willenbestimmenden Ansehens. Es läßt cich 
allerdings noch eine höhere Stufe denken, auf welcher, 
weil der Wille nicht erst bestimmt zu werden braucht, 
auch das Soll, aber dann mit dem Soll zugleich auch das 
Gesetz verschwindet, wenn nämlich zu der allgemeinen 
Bereitwilligkeit noch eine eben so allgemeine richtige 
Einsicht in das allgemeine Wohl hinzukommt, so daß 
nur die vorhandenen Umstände dargelegt zu werden 
brauchen, um einen gleichmäßigen Beschluß aller ein¬ 
zelnen hervorzurufen. Was also hier das Soll bedeutet 
auf dem Gebiet positiver Willensbestimmungen, das ist 
klar. In der jüdischen Gesetzgebung aber war der theo- 
kratischen Verfassung gemäß das allgemein Menschliche 
mit dem besonderen Bürgerlichen und Religiösen ge¬ 
mischt, wie es auch notwendig war für ein Volk, welches 
solange in einem Zustande gänzlicher Unterdrückung des 
Gefühls für das allgemein Menschliche gelebt hatte, daß 
es nur zu geneigt sein konnte, alles für erlaubt zu halten. 
Der göttliche Wille wird hier gedacht wie der oberherr¬ 
liche, einen Willen hervorrufend vermittelst des allge¬ 
meinen Willens, ihm zu gehorchen. Als nun unter eben 
dieser Form jene Festsetzungen des Sittlichen auch in 
den christlichen Unterricht aufgenommen wurden: so ent¬ 
stand die Gewöhnung, mit der sittlichen Erkenntnis das 
Soll zu verbinden, und diese erhielt sich hernach auch, 
seitdem man angefangen hatte, die sittliche Erkenntnis 
in eine allgemeine Gestalt zu bringen, wobei auf einen 
äußerlich bekannt gemachten göttlichen Willen nicht 
mehr gesehen, sondern die menschliche Vernunft selbst 
als gesetzgebend gedacht wurde. Wieviel nun aber von 
der ursprünglichen Bedeutung des Soll bei dieser Uber-
	        

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