Full text: Ethik

zu bevorworten ist, daß hier lediglich von dem, was man 
praktische Vernunft genannt hat, vorläufig die Rede sein 
kann; Vernunftgesetz also mit Ausschluß der logischen 
oder anderweitig theoretischen Vernunftgesetze zu ver¬ 
stehen ist. Dann sind unsere Ausdrücke auf den Gegen¬ 
satz Natur und Vernunft zurückgeführt, der noch immer 
häufig genug gebraucht wird, um hier keiner besonderen 
Feststellung zu bedürfen. Nun sollen aber beide Aus¬ 
drücke noch auf eine andere Weise verschieden sein, als 
schon durch jenen Gegensatz bezeichnet wird. Das 
Sittengesetz soll nicht etwa auf dieselbe Weise ein Gesetz 
sein wie das Naturgesetz, so daß dieses auf dem Gebiet 
der Natur ebensoviel gälte als jenes auf dem Gebiet der 
praktischen Vernunft; sondern das Naturgesetz soll eine 
allgemeine Aussage enthalten von etwas, was in der 
Natur und durch die wirklich erfolgt, das Sittengesetz 
aber nicht ebenso, sondern nur eine Aussage über etwas, 
was im Gebiet der Vernunft und durch sie erfolgen soll. 
So daß in dem einen Fall Gesetz eine Aussage wäre über 
ein Sein, ohne daß im eigentlichen Sinne ein Sollen daran 
hinge, in dem andern eine Aussage über ein Sollen, ohne 
daß demselben sofort ein Sein entspräche. Daß also das 
Wort Gesetz, so verstanden, in der einen Zusammen¬ 
setzung eine andere Bedeutung hat als in der andern, 
das ist für sich klar. Die Frage, die ich hier zuerst auf¬ 
werfen möchte, welche von diesen beiden Bedeutungen 
wohl die richtigere oder wenigstens ursprünglichere sei, 
erscheint zwar ganz grammatisch; wir können sie aber 
doch nicht umgehen, weil sie mit einem Hauptpunkt 
unserer Untersuchung zusammenhängt, nämlich mit 
jenem Sollen, welches auf dem Gebiet der rationalen 
Sittenlehre, wie sehr wir auch schon daran gewöhnt 
sind, doch immer etwas Geheimnisvolles und Unerklär¬ 
liches an sich hat. 
Das tollen nämlich geht ursprünglich immer auf eine 
Anrede zurück; es setzt einen Gebietenden voraus und 
einen Gehorchenden, und spricht eine Anmutung des 
ersten an den letzten aus. Denn der Gehorchende sagt; 
Ich soll, wenn der Gebietende ihm etwas angemutet hat, 
und er sagt dieses ohne Rücksicht darauf, ob er selbst 
das Angemutete zu tun gedenkt oder nicht, niemals aber 
ohne die genaueste Beziehung auf ein dem Anmutenden 
beiwohnendes bestimmtes Recht. Wer soll nun aber in
	        

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