Full text: Ethik

Sicherheit geben, daß keine Kollisionen entstehen können. 
Wir wollen daher sagen, der Ausdruck: Begib dich 
unter kein Recht, ohne dir einen Beruf sicher 
zu stellen und ohne dir das Gebiet des Ge¬ 
wissens vorzubehalten, sei die allgemeine kollisions¬ 
freie Formel der Rechtspflicht; die gleiche aber für die 
Liebespflicht laute so: Gehe keine Gemeinschaft 
der Liebe ein, als nur indem du dir das Gebiet 
des Gewissens frei behältst und in Zusammen¬ 
stimmung mit deinem Beruf. Und ähnliches wird 
von den beiden andern gegenüberstehenden Punkten zu 
konstruieren sein, so daß alle sich gegenseitig mehr oder 
weniger unmittelbar bedingen. Alles aber, wobei irgend 
Pflichtformeln in Anwendung kommen können, wird in 
einem von diesen Gebieten, wenn die Ausdrücke in dem 
angegebenen Sinne genommen werden, auch gewiß ent¬ 
halten sein. 
über den Unterschied zwischen Naturgesetz 
und Sittengesetz1. 
Gelesen am 6. Januar 1825. 
S. 397—416 Es ist eine alte wissenschaftliche Form, Naturwissen¬ 
schaft und Sittenlehre einander zu koordinieren und also 
entgegenzustellen; sie ist so alt als die Einteilung aller 
Wissenschaft in Logik, oder nach dem ältern Sprach¬ 
gebrauch Dialektik, Physik und Ethik. Denn in dieser 
ist offenbar, daß die beiden letzteren sich zur ersteren 
verhalten sollen, eine wie die andere, nicht aber etwa 
auch Logik und Physik zur Ethik eine wie die andere, 
oder umgekehrt Logik und Ethik zur Physik. 
Die Ausdrücke Naturgesetz und Sittengesetz scheinen 
freilich schon durch ihre sprachliche Zusammenstellung 
sich einer genauen Beziehung aufeinander verweigern zu 
wollen: denn was bilden wohl Natur und Sitte für einen 
Gegensatz? Allein eine solche Kritik halten wohl wenig 
wissenschaftliche Terminologien aus; und um diese beiden 
Ausdrücke gleichmäßiger zu machen, dürfen wir ja nur, 
da beides, so oft als gleichbedeutend gebraucht worden 
ist, Sittengesetz verwandeln in Vernunftgesetz, wobei nur 
1 Abdruck aus Schleiermachers Werken Bd. I, S. 397—416. 
Verlag Felix Meiner, Leipzig. 
180
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.