Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

muss  zunächst  ebenso  außer  Betracht  bleiben,  wie  die  Frage  nach  unmittelbaren  Vorläufern
  und  Vorbildern.  So  richtet  sich  der  Blick  auf  das  fränkische  und  das  frühe
römisch-deutsche  Reich,  beginnend  im  6.  Jahrhundert.  Spätantike  Bezüge  ergeben
sich  zwangsläufig,  stehen  aber  nicht  im  Mittelpunkt  der  Betrachtung,  die  insofern
auch  nur  sehr  bedingt  als  Beitrag  zur  Kontinuitätsdebatte  von  der  Spätantike  zum
Frühmittelalter  anzusehen  ist16.  Stark  verknüpft  ist  unsere  Fragestellung  jedoch  mit
der  nach  fortdauernden  Strukturen  oder  auch  nur  Resten  des  spätantiken  römischen
Steuersystems.  Dieser  Thematik  gilt  seit  langem  ein  besonderes  Forschungsinteresse,
  das  freilich  nicht  identisch  ist  mit  der  Frage  nach  Ressourcen  überhaupt
oder  präziser:  mit  der  Frage,  ob  der  Herrscher  relevante  Kenntnisse  über  materielle
Grundlagen  seiner  Macht  hatte,  mindestens  bemüht  war,  solche  zu  erwerben.
Bevor  die  Betrachtung  mit  Chlodwig  begonnen  werden  soll,  mahnt  eine  erheblich
  frühere  Episode,  nicht  ausschließlich  an  römische  Vorbilder  und  Erfassungstechniken
  zu  denken.  In  seinem  „Gallischen  Krieg“  berichtet  Caesar  von  einem
bemerkenswerten  Faktum17.  Danach  hätten  die  keltischen  Helvetier  über  listenförmige
  Erfassungsunterlagen  verfügt,  die  in  Caesars  Hände  gerieten.  Auf  diesen  tabulae
  [...]  litteris  Graecis  confectae  waren  im  Sinne  militärischer  Erfassungsregister
  die  Daten  der  Helvetier  und  weiterer  keltischer  Stämme  (Tulinger,  Latobriger,
Rauraker,  Boier)  verzeichnet18.  Es  ist  beachtlich,  dass  diese  militärischen  Erfassungsregister
  offenbar  konsequent  die  demographischen  Gesamtdaten  ebenfalls  berücksichtigten
  und  entsprechend  auswiesen.  Dabei  waren  die  Größenordnungen
enorm19.  Sie  stellen  den  Erfassern  ein  beeindruckendes  Zeugnis  aus,  das  nicht  allein
  mit  Hinweisen  auf  Massilia  (Marseille)  und  seine  Attraktivität  für  keltische
Oberschichten  erklärt  werden  kann20.  Bemerkenswert  bleibt  jedenfalls,  dass  für  Erfassungsfragen
  nicht  ausschließlich  auf  römische  Vorbilder  rekurriert  werden
muss,  sondern  auch  mit  anderen  Traditionen  gerechnet  werden  kann.
Spätestens  mit  dem  berühmten  Brief  des  Bischofs  Remigius  von  Reims  an
Chlodwig  aus  dem  Jahre  482  ist  der  Frankenkönig  nicht  mehr  dominant  als  gallorömischer
  Sprengelkommandant  anzusprechen,  sondern  er  übt  gewiss  eine  Königsherrschaft
  im  Vollsinne  aus.  Da  Remigius  auch  berichtet,  er  habe  erfahren,
„daß  du  die  Verwaltung  (administratio)  der  Belgica  secunda  übernommen  hast“21,

16  Von  der  Spätantike  zum  frühen  Mittelalter:  Kontinuitäten  und  Brüche,  Konzeptionen  und
Befunde,  hg.  von  Theo  Kölzer  und  Rudolf  Schieffer  (Vorträge  und  Forschungen  70),
Ostfildern  2009.  Darin  besonders  die  Beiträge  von  Stefan  Esders,  „öffentliche“  Abgaben
und  Leistungen  im  Übergang  von  der  Spätantike  zum  Frühmittelalter  (S.  189-244)  und
Reinhold  Kaiser,  Spätantike  und  Frühmittelalter  -  das  Problem  der  Periodenbildung,
Kontinuitäten  und  Brüche,  Konzeptionen  und  Befunde.Versuch  einer  Zusammenfassung
(S.  319-338).
17  C.  lulii  Caesaris  Commentarii,  edidit  Alfred  KLOTZ,  vol.  1:  Commentarii  Belli  Gallici
(Leipzig  1952),  Buch  1,  c.  29,  S.  17f.
IX  Alexander  Demandt,  Die  Kelten,  München  620  0  7,  S.  36,  spricht  von  „Bürgerlisten“.
19  Nach  Caesar  betrug  die  Gesamtzahl  368.000.  Gegliedert  wurde  nach  Waffenfähigen  und
Leuten,  die  auszogen.  Die  Zurückgekehrten  (110.000)  gliederten  sich  nach  pueri,  senes
und  mulieres.
20  Demandt,  Kelten  (wie  Anm,  18).
21  Epistolae  Austrasicae  2,  ed.  Wilhelm  Gundlacfi  (MGH  Epp.  3),  Berlin  1957,  S.  113.
Vgl.  Reinhard  SCHNEIDER,  König  und  Königsherrschaft  bei  den  Franken,  in:  Von  Sacer-100

            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.