Neben der ernstzunehmenden religiösen Motivation sind jedoch auch handfeste
Interessen erkennbar, die einen Grundeigentümer zum Nutznießer werden ließen.
Mit Hilfe der Prekarie konnte er seinen Grundbesitz verdoppeln oder gar verdreifachen
oder sein Landstück gegen ein anderes an einem anderen Ort eintauschen.
Dadurch waren Güterarrondierungen bei den durch häufige Erbteilungen zersplitterten
Besitzverhältnissen auf dem Land möglich. Attraktiv war auch das Partizipieren
an wirtschaftlich aufstrebenden Regionen, wie zum Beispiel den Weinanbaugebieten
an der Mosel, den Salzproduktionsstätten im Seillegau oder den Rodungszonen
am Rand des Schwarzwaldes. Es wurden ferner künftige Erbteilungen
verhindert, denn der prekarische Besitz blieb so erhalten, wie er geschenkt worden
war.
Auffällig ist, dass die laikalen Grundeigentümer für derlei Immobiliengeschäfte
regelmäßig neuen, erst in der eigenen Generation oder von den Eltern erworbenen
Besitz dafür verwandten, fast nie patrimonialen Erbbesitz, der aus der Großelterngeneration
stammte. Sie spekulierten niemals und schon gar nicht mit ihrem Gesamtvermögen.
Die Saarbrücker Prekarienforschung vermag durch diese Ergebnisse einen erweiternden
Blick auf den frühmittelalterlichen Umgang mit Grund und Boden zu
richten, der weniger statisch war, als bisher angenommen. Sie erfasst die grundbesitzenden
Schichten, die an diesem wechselseitigen Leihesystem partizipierten. Sie
kann die - nicht nur in Krisenzeiten - durch Anleihen gestützte frühmittelalterliche
Staatsfinanzierung in einen breiteren ökonomischen Rahmen einordnen. Sie leistet
darüber hinaus einen fundamentalen Beitrag zu der seit 1994 geführten vollkommenen
Neuorientierung hinsichtlich der Bedeutung des Lehnswesen für den mittelalterlichen
Staat des Früh- und Hochmittelalters, ist somit auch in der Verfassungsgeschichte
verankert. Das Leihesystem des Lehnswesen zeichnet sich allerdings im
Testament des Diakons Adalgisel Grimo von 634, um auf den Ausgangspunkt dieses
Beitrags zurückzukommen, noch nicht ab, wohl aber, wie hinreichend erörtert
worden ist, das umfassendere Leihesystems von Prekarie und Usufrukt, aus dem
das später aufkommende Lehnswesen lediglich einen Ausschnitt darstellt.
Bibliographie raisonnée:
A. Adalgisel Grimo und Tholey:
Die Grabungsergebnisse in Tholey publizierte Alfons KOLLING, Grabungen im
römischen und mittelalterlichen Tholey, in: 20. Bericht der staatlichen Denkmalpflege
im Saarland (Abteilung B), Saarbrücken 1973, S. 5-50 und öfter; zur Baugeschichte
vgl. auch Franz-Josef REICHERT, Die Baugeschichte der Benediktinerabtei
Tholey (Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde 3), Saarbrücken 1961.
Zu den Äbten von Tholey und zur sprachgeschichtlichen Analyse der Ortsnamen
im Testament des Adalgisel-Grimo vgl. Wolfgang HAUBRICHS, Die Tholeyer Abtslisten
des Mittelalters. Philologische, onomastische und chronologische Untersuchung
(Veröffentlichungen der Kommission für saarländische Landesgeschichte
und Volksforschung 15), Saarbrücken 1986, hier S. 81-85; Hans-Walter HERR-MANN,
Das Testament des Adalgisel-Grimo, in: 22. Bericht der staatlichen Denkmalpflege
im Saarland (Abteilung B), Saarbrücken 1975, S. 67-89. Theorien zum
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