Full text: Historische Blicke auf das Land an der Saar

aufgegriffen, aber auf Freilassungen in der Kirche bezogen worden (manumissio in 
ecclesia), etwa im burgundischen Recht und im ribuarischen Frankenrecht belegt 
{Lex Ribuaria, Titel 61). Die Sklaven oder Hörigen wurden zwar freigelassen und 
erwarben dadurch einen besseren Rechtsstatus, blieben aber im Besitz der Kirche. 
Das Recht der ribuarischen Franken, ungefähr zu der Zeit verschriftet, als Grimo 
sein Testament anfertigte, erklärte daher kategorisch, dass die Kirche nach römi¬ 
schem Recht lebe und diejenigen, die per tabulas freigelassen worden waren, von 
niemandem und auch nicht auf andere Weise freigelassen werden können, selbst 
durch den König zum Beispiel durch Schatzwurf nicht. Dies bekräftigte auch Gri¬ 
mo durch den zitierten Auszug aus seinem Testament. Von der Gültigkeit und Um¬ 
setzung seiner letztwilligen Verfügungen hing das Fortleben seiner Seele nach dem 
Jüngsten Gericht ab; die Freilassungen und die Schenkungen waren ein religiös 
motivierter Akt. 
Doch was verbindet das frühmittelalterliche Testament von 634 mit der Saar¬ 
brücker Prekarienforschung der Gegenwart? Es ist die Tatsache, dass Adalgisel 
Grimo eine Prekarie innehatte: „Die villa Iré (bei Longuyon), die meine verstor¬ 
bene (leibliche) Schwester, die Diakonisse Ermengundis, zu ihrem Seelenheil der 
Verduner Kirche schenkte und die ich selbst als Prekarie zur Nutznießung besessen 
habe, soll nach meinem Tod in unversehrter Ganzheit mit allem, was dazu gehört, 
und mit dem, was ich dort vergrößern und (neu) kultivieren konnte, an die oft ge¬ 
nannte Verduner Kirche zurückfallen“ (Edition Herrmann S. 270, Zeilen 43-45; 
Villa Hogregia, quem germana mea Ermengundis quondam dyacona pro anime 
sue remedium ecclesie Virdunense dedit et ego ispe sub usufructuario per precato- 
ria possedi, cum integra soliditate omnibusque ad se pertinentibus cum id quod 
ibidem augmentare vel laborare potuero omnia et ex ómnibus post discessum me- 
um ad sepedicta ecclesia Virdunense revertat.). 
Prekarie ist ein Leihegut, das auf Bitten des Entleihers vom Inhaber ausgegeben 
wurde. In diesem Fall war das Gut Eigentum der Ermengundis gewesen, die es zu 
Lebzeiten für ihr Seelenheil der Verduner Bischofskirche geschenkt hatte. Nach ih¬ 
rem Tod muss Grimo den Bischof gebeten haben, ihm das Gut seiner Schwester 
leihweise zur Nutznießung zu erlassen. Die Vertragslaufzeit war frei auszuhandeln 
und wurde auf Grimos Lebenszeit terminiert. Nach seinem Tod sollte es wieder in 
die unmittelbare Verfügungsgewalt der Kirche von Verdun übergehen. Dies war 
kein ungewöhnlicher Vertrag. 
Grimos Testament zeigt die übliche Besitzstruktur des immobilen Vermögens 
eines frühmittelalterlichen Adeligen bzw. Großgrundbesitzers auf. Der Grundbesitz 
setzte sich (1) aus Erbgütern, die Grimo bei der der gesetzlichen Erbfolge durch 
Erbteilung mit seinen Geschwistern zugefallen waren, (2) aus gekauften oder in 
anderer Weise, wie beispielsweise durch Tausch, hinzuerworbenen Gütern und (3) 
durch Güter, an denen er nur ein Nießbrauchrecht hatte, worunter Prekarien fallen, 
zusammen. Für Prekarien und anderen usufruktuarischen Besitz wurde in der Re¬ 
gel, jedoch nicht zwangsläufig ein Jahreszins gezahlt. Eine gewisse Verzinsung er¬ 
hielt der Verleiher auch dadurch, dass, wie in Grimos Fall ersichtlich, die Wert¬ 
steigerung durch Bewirtschaftung, manchmal mit dem Fachbegriff der Melioration, 
also der Besserung, bezeichnet, bei Vertragsende dem Eigentümer des Grund und 
Bodens zu Gute kam. 
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