Full text: Historische Blicke auf das Land an der Saar

Grundherren über ein großes Gebiet im Viereck zwischen den Bischofsstätten Ver¬ 
dun, Metz, Trier und Maastricht. Dass Adalgisel Grimo zur vermögenden frän¬ 
kischen Oberschicht im östlichen Teil des Frankenreichs, in Austrasien, gehörte, ist 
zweifelsfrei. Alle Versuche, ihn genealogisch einzuordnen, bleiben jedoch hypo¬ 
thetisch, da er von seinen Verwandten nur eine bereits verstorbene Schwester Er- 
mengundis, seinen Bruder Ado und einen seiner Neffen, einen Herzog Bobo, na¬ 
mentlich erwähnte. Die kombinierte besitz- und personengeschichtliche Unter¬ 
suchungsmethode macht jedoch eine gewisse Nähe zu der später mächtigsten 
austrasischen Adelsfamilie, den Arnulfingem-Pippiniden, wahrscheinlich, da das 
Namensgut Adalgisel und Grimo(ald) in beiden Familien verwandt wurde und die 
Besitznachbarschaft im Lütticher Raum auffallend ist. Es mag daher sein, dass 
Grimos Neffe Bobo mit dem gleichnamigen Herzog identisch ist, der die aus¬ 
trasischen Exklaven in der Auvergne verwaltete und der Regentschaftsregierung 
für den minderjährigen Mitkönig Sigibert III. in Austrasien angehörte. Eine direkte 
Verwandtschaft mit den Vorfahren der Karolinger ist allerdings nicht nachweisbar. 
Da Grimo von seinen Verwandten ausschließlich die Neffen mit Legaten be¬ 
dachte und ausdrücklich bestimmte, sie sollten sich damit zufrieden geben, wird 
davon ausgegangen, dass sein Testament von 634 den Teil seines Vermögens um¬ 
fasste, den er der gesetzlichen Erbfolge entziehen wollte, also keinesfalls alle Lie¬ 
genschaften benennt. Nach römischem Recht hätte er über maximal drei Viertel 
seiner Hinterlassenschaft verfügen dürfen (Lex Falcidia, 40 v. Chr.). Die fränki¬ 
schen Gesetze geben darüber keine Auskunft; aber die Lex Ribuaria aus der ersten 
Hälfte des 7. Jahrhunderts, die für die Rheinfranken und wohl auch für diese 
austrasische Adelsfamilie galt, betont mehrfach, dass die Kirche nach römischem 
Recht lebt (Lex Ribuaria, Titel 61). Die Kenntnis römischer Rechtsgepflogenheiten 
zeigt sich schon allein daran, dass Diakon Adalgisel Grimo ein Testament aufrich¬ 
tete und dies unter Anwendung römischer Formen tat. 
Ziel seiner sozialen Fürsorge für Arme und Kranke und die Freilassung einer 
nicht genannten Anzahl seiner Hörigen war es, eine Opfergabe für die Reinigung 
von seinen Sünden zu spenden und damit etwas für sein Seelenheil zu tun. Wie 
dies von den Begünstigten zu realisieren war, etwa durch regelmäßige Messfeiern 
an seinem Todestag oder durch Fürbitten und Gebete zu seinem Totengedächtnis, 
wird nicht konkretisiert. Bischof Bertram von Le Mans, der 616 sein Testament ab¬ 
fasste, erlegte den Freigelassenen die Pflicht auf, sein Jahresgedächtnis zu bege¬ 
hen: Einmal listete er die dazu Bestimmten in großer Anzahl namentlich auf, ein 
anderes Mal überließ er es seinem Grablegekloster, die Tüchtigsten aus einem ge¬ 
schenkten Dorf dafür auszuwählen. Vor diesem Hintergrund fallt auf, wie eindring¬ 
lich Grimo mitten zwischen der Aufzählung seiner Legate formulieren ließ: „Auf 
jeden Fall will ich, dass volle Kraft behält, wieviele [Hörige] ich durch [namentli¬ 
che Auflistung auf] Tafeln oder durch [Freilassungs-]Briefe oder durch einen be¬ 
liebigen anderen Rechtstitel freigelassen habe und was ich auf schriftliche Weise 
heiligen Stätten oder verdienten Personen übertragen oder geschenkt habe“ (Editi¬ 
on Levison S. 76 f., Zeilen 17-19: Omnimodis volo, quantumcumque per tabidas 
vel per epistolas seu quolibet titulo ingenuos dimisi, vel quic quid per epistolas 
meas ad loca sancta seu merentibus personis contuli aut donavi, firma stabilitate 
permaneat.), Das römischrechtliche Freilassungsverfahren mittels der Übergabe 
von Tafeln (manumissio per tabulas) war von den frühmittelalterlichen Kirchen 
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