sehe) den Gottesdienst kennzeichnete, war das für uns das erste Anzeichen dafür,
dass in Deutschland und der Welt eine Veränderung begonnen hatte, die bald auch
auf anderen Gebieten um sich griff: in der Politik, der Kultur, der allgemeinen
Ethik und Moral et cetera. Die Menschen sahen jetzt manches lockerer als zuvor.
Die so genannte Adenauerzeit und die von der „Wiederaufbaugeneration“ bestimmte,
stark konservativ geprägte politische, kulturelle und das geistige Leben
kennzeichnende Großwetterlage ging zu Ende. Jüngere Leute meinten, die als etabliertes
Establishment agierenden älteren und erfahrenen Menschen überall im Leben
zurückdrängen zu müssen, da diese ja zu großen Teilen mit der jüngsten deutschen
Vergangenheit belastet seien, ja sich selbst nicht genügend mit dem Dritten
Reich auseinandergesetzt hätten und möglicherweise in das national-sozialistische
System verstrickt gewesen seien. Mit vielen propagierten Neuerungen, vor allem
mit dem Entstehen und dem unreflektierten journalistischen Verbreiten einer so
genannten „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) gingen wir innerlich nicht
konform, da sie doch unterschwellig das Nichtfunktionieren unseres Parlamentarismus
in Westdeutschland insinuierte. Meine Frau und ich hatten aber doch gerade
die parlamentarische Demokratie - als Gegenpol zur sich im Osten immer mehr
verfestigenden Parteidiktatur der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
(SED), die wir sattsam kennen gelernt hatten - so sehr bejaht und als Garanten für
die Bewahrung unserer politischen Freiheit empfunden! Dabei waren wir durchaus
überzeugt davon, dass Stagnationen zu überwinden sind und in der Welt sowieso
stets „alles im Fluss“ ist (panta rei, Heraklit).
Das Heidelberger Vertretungs-Semester, das ich durch viele Zugfahrten von
Saarbrücken aus bestritt, hat mir einen tiefen Einblick in das unruhig gewordene
deutsche Universitätsleben, das heißt in das Denken und Agieren der Studenten der
Jahre 1968/69, gewährt. Von den Anfängen dieser Unruhe-Entwicklung an den
Massen-Universitäten wie der Freien Universität Berlin und der Johann Wolfgang
Goethe-Universität Frankfurt/Main hatte ich ein Jahr vorher in Saarbrücken, wo
sich alles noch auf den Auf- und Ausbau des am 1. Januar 1957 „rückgegliederten
Saarlandes“ und eben auch der Universität konzentrierte, kaum etwas mitbekommen21.
Nur vom allenthalben an den deutschen Universitäten (besonders eben in
21 Vgl. zur Resonanz der studentischen Bewegung an der Universität des Saarlandes unter
anderem den grundlegenden, in Zusammenarbeit mit dem Universitätsarchiv erarbeiteten
Memoirenbeitrag von Rektor Werner Maihofer, Vom Universitätsgesetz 1957 bis zur
Verfassungsreform 1969. Persönliche Erinnerungen an eine bewegte Zeit der Universität
des Saarlandes, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 22 (1996), S. 373-403.
Ferner Wolfgang Müller, „68 in Saarbrücken“ 30 Jahre. Chronik zu einer Ausstellung
des AStA-Kulturprojekts und des Universitätsarchivs, Saarbrücken 1998; Alexander König,
„Wir können Ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen und Ihnen ihre politische
Meinung vorschreiben“. „Studentenbewegung“ und „1968“ in Saarbrücken, in: Saarbrücker
Hefte 90 (2003), S. 21-28; Wolfgang MÜLLER, Was wollen die Studenten? Saarbrücker
Impressionen zum Thema „1968“, in: evangelische aspekte, 15. Jahrgang, Heft 4
(2005), S. 28-31 und Wolfgang Müller, „Affären“ und Widerstände. Auseinandersetzungen
um die Notstandsgesetze und Widerstand gegen die Universitätsreform in Saarbrücken,
in: evangelische aspekte, 16. Jahrgang, Heft 1 (2006), S. 44-48; Wolfgang
Müller, Zwischen Gemeindeleben und Umbruch - die evangelischen Studentengemeinden
in Bonn, Köln und Saarbrücken um 1968. Dritter Teil: Bonn - Saarbrücken, in:
Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 57 (2008), S. 73-90.
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