Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

düngen  mit  lotharingischen  Adelsgruppen  des  10.  Jahrhunderts  Bescheid  wusste,
konnte  ich  dabei  überraschenderweise  nicht  nur  die  den  französischen  Colonel  interessierenden
  Fragen  klären,  sondern  ebenso  die  Ahnen  des  1048  (als  Herzoge)  in
die  Geschichte  eintretenden  lothringischen  Hochadelsgeschlechtes  -  das  heißt  des
Hauses  Habsburg-Lothringen  -  ermitteln.
Als  sich  dann  im  Hochsommer  1964  Professor  Buisson  in  ein  Freisemester  verabschiedete
  und  mich  dabei  mit  der  Bemerkung  überraschte,  ich  werde  ja  gewiss  in
einem  Jahr  -  nach  dem  Ablauf  der  üblichen  vier  Assistentenjahre  -  eine  Habilitationsschrift
  vorlegen,  da  riss  mich  dies  zwar  schroff  aus  meinem  ruhiger  gewordenen
  Lebensrhythmus  und  dem  gerade  begonnenen  Abfassen  von  zwei  Aufsätzen
heraus,  es  lenkte  mich  jedoch  auch  sogleich  auf  den  Gedanken,  die  mir  während
der  Korrespondenz  mit  Colonel  Larose  deutlich  gewordenen  „Anfänge  des  Hauses
Habsburg-Lothringen“  zu  einem  gesonderten,  genealogisch-hilfswissenschaftlich
strukturierten  zweiten  Teil  meiner  vorzulegenden  Habilitationsschrift  auszubauen.
Den  anderen  gerade  in  der  Abfassung  befindlichen  Aufsatz  über  ein  bislang  unbekanntes
  Treffen  zweier  Könige  des  ausgehenden  9.  Jahrhunderts  im  Kloster  Remiremont
  -  das  wurde  mir  auch  sehr  rasch  klar  -  konnte  ich  als  Mittelpunkt  des  nun
zügig  zusammenzuschreibenden  ersten  Habilitationsschriftteils  gebrauchen;  dieser
konnte  unter  den  Titel  „Lotharingien  und  das  Reich  an  der  Schwelle  der  deutschen
Geschichte“  gestellt  werden.
Bevor  ich  mich  an  die  Niederschrift  begab,  musste  aber  noch  rasch  ein  Umzug
von  der  Stieringer  Straße  46  in  eine  größere  Wohnung  in  der  Semperstraße  8
durchgeführt  werden.  Dort  schrieb  ich  dann  zwischen  dem  August  1964  und  dem
Frühsommer  1965  die  beiden  oben  schon  erwähnten  Bände  und  reichte  sie  zum
Ende  des  Sommersemesters  1965  beim  Dekanat  der  Philosophischen  Fakultät  der
Universität  des  Saarlandes  als  Habilitationsgrundlage  ein;  es  ging  mir  dabei  um
den  Erwerb  der  Venia  legendi  sowohl  für  Mittelalterliche  Geschichte  als  auch  für
Historische  Hilfswissenschaften,  denn  zwei  Venien  könnten  ja  -  so  meinte  ich  -
meine  Aussichten,  einmal  eine  Professur  zu  erhalten,  verdoppeln.  Das  „Colloquium“
  -  unter  dem  Dekanat  des  Orientalisten  Prof.  Dr.  Helmut  Gätje9  -  fand  wenige
Tage  vor  Weihnachten  1965  statt.  Als  Diskussionsgrundlage  hielt  ich  einen  Vortrag
  über  den  Einfluss  staatlicher  Maßnahmen  auf  die  Bildung  der  europäischen
Nationen,  ausgehend  vom  Beispiel  Italien,  das  mir  seit  den  Quellenstudien  zu  meiner
  Dissertation  schon  vertraut  war.  Auch  wenn  die  Diskussion  sich  auf  die  Entwicklungen
  in  Spanien  und  in  Osteuropa  ausdehnte  und  ebenso  die  Problematik
von  Staat  und  Volk  im  Deutschen  Reich  des  Spätmittelalters  und  der  frühen  Neuzeit
  einbezog,  konnte  ich  die  Professorenschaft  der  Saarbrücker  Philosophischen
Fakultät  -  und  das  waren  damals  etwa  35  Personen  -  offenbar  voll  überzeugen.

9  Prof.  Dr.  Helmut  Gätje  (1927-1986):  Seit  1963  Ordinarius  für  Orientalistik  an  der  Universität
  des  Saarlandes.  1965-1966  und  1975-1977  Dekan  der  Philosophischen  Fakultät.
Vgl.  auch  Helmut  Gätje,  Die  orientalistischen  Studien  an  der  Universität  des  Saarlandes,
Saarbrücken  1973,  ferner  die  Nekrologe  Rüdiger  SCHMITT/Gerd-R(üdiger)  Puin,  Islamisches
  Weltbild  und  arabische  Sprache.  Orientalist  an  der  Universität  des  Saarlandes  -
Zum  Tod  von  Helmut  Gätje,  in:  Saarbrücker  Zeitung  vom  13.  März  1986;  Renate  Ja-COBi,
  Orientalistik  und  Universität  waren  sein  Leben.  Tod  von  Prof.  Helmut  Gätje  ist  für
Kollegen,  Mitarbeiter  und  Studenten  ein  schmerzlicher  Verlust,  in:  campus  -  Nachrichten
  und  Meinungen  an  den  Hochschulen,  16.  Jahrgang,  Nr.  2,  Juni  1986,  S.  8.
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