Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Erinnerungen  an  meine  Assistenten-  und  Dozentenzeit  an
der  Universität  des  Saarlandes  in  Saarbrücken
Eduard  Hlawitschka

Als  ich  zum  1.  September  1961  die  Assistentenstelle  am  Lehrstuhl  für  Mittelalterliche
  Geschichte  der  Universität  des  Saarlandes  übernahm,  hatte  ich  bereits  so
manche  Lebenserfahrung  gesammelt.  Das  unterscheidet  meinen  Weg  in  die  Wissenschaft
  wohl  etwas  von  dem  der  heutigen  Forschungs-  und  Lehranwärter.  Im  Alter
  von  15  Jahren,  2  Monaten  und  2  Tagen  war  ich  am  10.  Januar  1944  zum  Militärdienst
  einberufen  worden;  14  Monate  lang  war  ich  danach  als  Luftwaffenhelfer
bei  Flak-Einheiten  -  zunächst  in  Brüx,  dann  in  Aussig-Türmitz,  Eger  und  zuletzt  in
Pilsen  -  eingesetzt  gewesen,  war  am  9.  Mai  1945  als  Soldat  einer  Luftwaffeneinheit
  in  der  Nähe  von  Prag  in  russische  Kriegsgefangenschaft  geraten,  hatte  zweimal
unter  lebensgefährlichen  Umständen  die  Flucht  aus  der  Gefangenschaft  gewagt
und  war  am  15.  Mai  1945  glücklich  in  meine  Heimat  in  Nordböhmen/Sudetenland
zurückgekehrt.  Anschließend  hatte  ich  bis  zum  Jahresende  1945  als  Knecht  auf
dem  (Ende  Mai  1945)  von  Tschechen  enteigneten  elterlichen  Bauernhof  gearbeitet,
von  Anfang  Januar  bis  zum  19.  Juli  1946  in  einem  Steinbruch  Schwerstarbeit  geleistet,
  danach  meine  Heimat  durch  Ausweisung  verloren,  nach  zwei  Jahren  Oberschulbesuch
  in  Rostock/Mecklenburg  mein  Abitur  abgelegt  und  ein  Universitätsstudium
  in  Rostock  begonnen.  Die  dort  aufziehenden  politischen  Repressionen  hatten
  aber  nach  nur  drei  Studiensemestem  einen  Universitätswechsel  nach  Leipzig
und  im  Dezember  1950  die  Flucht  nach  West-Berlin  erzwungen.  Als  „politischer
Flüchtling“  war  ich  -  nach  dreieinhalb  Monaten  „Notstandsarbeit“  im  Wasserwerk
Siemensstadt  -  nach  dem  Westen  ausgeflogen  worden  und  hatte  danach  in  Freiburg/Breisgau
  mein  Studium  der  Fächer  Geschichte,  Geographie  und  Latein  fortsetzen
  können  und  zwar  als  „Werkstudent“,  der  allein  für  sein  Leben  aufkommen
musste  und  dabei  unter  anderem  zweieinhalb  Jahre  bei  der  Freiburger  Straßenbahn
als  Schaffner  im  Wochenenddienst  seinen  Lebensunterhalt  verdiente.  Am  Ende  des
Wintersemesters  1955/56  hatte  ich  endlich  mein  Studium  mit  einer  Promotion  bei
Prof.  Dr.  Gerd  Tellenbach1  im  Fach  Mittelalterliche  Geschichte  abschließen  kön-Dieser

  Beitrag  wurde  nach  einem  dazu  ermutigenden  Telefongespräch  mit  dem  Leiter
des  Archivs  der  Universität  des  Saarlandes,  Herrn  Archivoberrat  Dr.  Wolfgang  Müller,  im
März  2012  verfasst  und  im  Saarbrücker  Universitätsarchiv  mit  Anmerkungen  versehen.
Prof.  Dr.  Gerd  Tellenbach  (1903-1999).  Vgl.  dazu  unter  anderem  seine  Autobiographie:
Gerd  Tellenbach,  Aus  erinnerter  Zeitgeschichte,  Freiburg  1981.  Außerdem  Dieter
Mertens,  Hubert  Mordek  und  Thomas  ZOTZ,  Gerd  Tellenbach  (1903-1999).  Ein  Mediävist
  des  20.  Jahrhunderts.  Vorträge  aus  Anlaß  seines  100.  Geburtstages  in  Freiburg  im
Breisgau  am  24.  Oktober  2003,  Freiburg  2005;  Anne  Christine  Nagel,  Im  Schatten  des
Dritten  Reichs.  Mittelalterforschung  in  der  Bundesrepublik  Deutschland  1945-1970
(Formen  der  Erinnerung  24),  Göttingen  2005,  S.  145-155;  Anne  Christine  Nagel,  Mittelalterliche
  Geschichte,  in:  Die  Freiburger  Philosophische  Fakultät  1920-1960.  Mitglieder
  -  Strukturen  -  Vernetzungen,  hg.  von  Eckhard  WiRBELAUER  (Freiburger  Beiträge  zur
Wissenschafts-  und  Universitätsgeschichte,  Neue  Folge  1),  Freiburg/Breisgau  2006,  S.
387-410;  Anne  Christine  Nagel,  Gerd  Tellenbach.  Wissenschaft  und  Politik  im  20.  Jahrhundert,
  in:  Das  Deutsche  Historische  Institut  Paris  und  seine  Gründungsväter.  Ein  per-573

            
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