Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Gebäudes  nach  Westen  hin  freigelegt'’.  Diese  Fläche  war  von  Kolling  nicht  ausgegraben
  worden,  sie  diente  seinerzeit  zur  Erdlagerung  beim  Ausheben  der  Sondagen.
  Die  massive  Stickung  bestand  allseitig  aus  faust-  bis  kopfgroßen  Sandsteinen,
ln  der  Mitte  der  Nordseite  war  die  Stickung  aber  deutlich  reduziert,  weswegen  für
diese  Position  der  Eingang  angenommen  wurde.  Das  bestätigte  sich  an  dieser  Stelle
mit  dem  Fund  eines  rechteckig  bearbeiteten  Sandsteins,  der  sich  leicht  nach  oben
verjüngt.  In  der  Mitte  des  Steines  war  eine  Ausarbeitung  für  das  Aufstellen  eines
Holzpfostens.  Derartige  Konstruktionen  sind  typisch  für  den  Bau  von  Portiken.  Es
ist  davon  auszugehen,  dass  auf  der  Eingangsseite  des  Tempels  ein  solches  Schutzdach
  angebracht  war.
Bei  den  weiteren  Ausgrabungen  zeigte  sich,  dass  wie  auf  der  Ostseite  auch  auf
der  Westseite  des  Tempels  sechs  Opfergruben  angelegt  waren  (Abb.  3,  S.  294).  In
ihnen  waren  mehrere  Gefäße,  davon  eines  mit  jeweils  zwei  Münzen,  und  ein  Opfertier
  deponiert  worden.  Die  Opfertiere  waren  nicht  geschlachtet  worden,  sondern
lagen  im  organischen  Verband.  Die  Münzbestimmung  ergab,  dass  die  älteste  Münze
  aus  den  Deponierungen  von  einem  augusteischen  Münzmeister  aus  der  Zeit  von
16-2  vor  Christus  stammt,  die  späteste  Münze  wurde  unter  Kaiser  Theodosius
(379-395)  geprägt.  Das  bedeutet,  dass  wir  mit  diesem  Tempel  das  bislang  älteste
Gebäude  des  römerzeitlichen  Siedlungshaus  in  Schwarzenacker  belegen  können.
Die  Funde  beweisen  auch,  dass  trotz  der  Zerstörung  von  275/276  eine  vierhundertjährige
  Kultkontinuität  vor  Ort  existierte.  Dass  Menschen  im  vierten  Jahrhundert
wieder  hier  lebten,  hat  durch  die  Grabungen  der  letzten  Jahre  immer  wieder  Bestätigung
  erfahren.
Von  besonderer  Bedeutung  ist  ferner,  dass  sich  der  Tempel  in  seiner  Ausrichtung
  am  Verlauf  des  noch  bestehenden  Straßensystems  orientiert.  Das  heißt,  dass
das  innerstädtische  Tempelareal  Teil  der  Gesamtplanung  ist,  die  sich  auf  das  hippodamische
  System  stützt,  das  die  Römer  für  ihre  Stadtplanungen  mit  Insulen,  öffentlichen
  Plätzen  und  Streifenhausfassaden  prägten6 7.  Das  bedeutet,  dass  das  römische
  Schwarzenacker  um  die  Zeitenwende,  vielleicht  sogar  kurz  vorher  von  den
neuen  römischen  Herrschern  als  Siedlung  gegründet  wurde.  Diese  war  Bestandteil
eines  Netzwerkes  von  Siedlungen  mit  überregionalem  Charakter,  die  in  einer  Entfernung
  eines  Tagesmarsches  zur  Organisation  des  eroberten  Gebietes  dienten8.
Auch  in  der  Folgezeit  hielt  die  römische  Verwaltung  für  Schwarzenacker  an  dem
einmal  festgelegten  Plan  beim  weiteren  Ausbau  der  Siedlung  fest.

6  Klaus  Kell,  Homburg.  Römermuseum  Schwarzenacker  (Schnell,  Kunstfiihrer  Nr.  2692),
Regensburg  2008,  S.  25.
7  Zu  Streifenhausfassaden  vgl.  Gundolf  Precht,  Konstruktion  und  Aufbau  so  genannter
Streifenhäuser  am  Beispiel  von  Köln  (CCAA)  und  Xanten  (CUT),  in:  Haus  und  Siedlung
in  den  römischen  Nordwestprovinzen,  hg.  von  Rüdiger  Gogräfe  und  Klaus  Kell  (Forschungen
  im  römischen  Schwarzenacker  4),  Homburg  2002,  S.  181-198.
s  Helmut  Freis,  Das  Saarland  zur  Römerzeit  (Veröffentlichung  des  Instituts  für  Landeskunde
  im  Saarland  -  Saarland-Hefte  1),  Saarbrücken  1999;  Helmut  Bernard,  Der  römische
  Vicus  Eisenberg  in  der  Civitas  Vangionum  und  seine  Verkehrslage,  in:  Der  römische
  Vicus  von  Eisenberg.  Ein  Zentrum  der  Eisengewinnung  in  der  Nordpfalz  (Archäologische
  Denkmäler  in  der  Pfalz  1),  hg.  von  Helmut  Bernhard,  Amo  Braun,  Ulrich
HfMMELMANN,  Thomas  KRECKELund  Helmut  STICKL,  Germersheim  2007,  S.  17-22.

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