Folgen der Vernachlässigung bis heute
Wissen, was drin ist - das bringt eine archivische Kernaufgabe, das Erschließen
von Archivgut, auf den Punkt. Am Ende steht das Findbuch, das zu einem Bestand
die darin enthaltenen Archivalien strukturiert beziehungsweise geordnet darstellt
und inhaltlich beschreibt, so dass die Benutzer die Archivalien ermitteln und zur
Einsichtnahme bestellen können, die für ihr Forschungsinteresse von Bedeutung
sind. Ohne Erschließung kann man ein Archiv nicht nutzen und auch Digitalisierungsprojekte
setzen erschlossene Bestände voraus. Je besser der Erschließungszustand,
um so effizienter kann das Archivpersonal Anfragen beantworten und der
Benutzer das Archiv nutzen. Aktuell sind über 50 Prozent der Bestände des Stadtarchivs
völlig unerschlossen, dies betrifft fast die gesamte Überlieferung für die
Zeit nach 1945. Die wenigen erschlossenen Bestände gehen fast ausnahmslos auf
das Werk von Fritz Jacoby zurück, der seine Kräfte voll und ganz auf die Erschließung
der Bestände konzentrierte und seit 1982 die einzige archivische Fachkraft
war. Eine Arbeit im Stillen, die nicht hoch genug geschätzt werden kann, Jacoby
war dabei so bescheiden, dass er entgegen den üblichen Regeln, noch nicht einmal
seine Autorenschaft vermerkte.
Ohne Erschließung können Archive keine Angebote in der Informationsgesellschaft
machen. Nachdem in der Ära von Irmgard Christa Becker für das Stadtarchiv
Saarbrücken die Archivsoftware Scope beschafft wurde, wurden die alten, von
Fritz Jacoby auf Schreibmaschine und in Word-Dateien erstellten Findmittel von
ihrer analogen Form in die Archivsoftware Scope übertragen. Diese Retrokonversion
bildete im Jahr 2010 einen Arbeitsschwerpunkt und konnte 2011 abgeschlossen
werden, so dass nun die Öffentlichkeit online über die Homepage der Landeshauptstadt
Saarbrücken diese Findmittel nutzen und von zu Hause aus die Verzeichnungseinheiten
zur Benutzung im Archiv bestellen kann. Außerdem kann die
Öffentlichkeit Bestände übergreifend mit Suchbegriffen online recherchieren. Man
muss dabei aber sehen, dass ein Großteil des Archivgutes völlig unverzeichnet ist,
weder Abgabelisten, Karteien noch Findbücher vorliegen. Weit über 50 Prozent
des Gesamtbestandes können bei der Recherche nicht überprüft werden. Diese erheblichen
Erschließungsdefizite erklären sich aus der über Jahrzehnte völlig unzureichenden
Personalausstattung des Stadtarchivs. Ärgerlich ist dabei, dass vor allem
in den aus heutiger Perspektive fetten Jahren in der Ära von Oberbürgermeister
Schuster das Archiv völlig vernachlässigt wurde.
Die Impulse zur Einrichtung von Archiven kamen vor allem von
außen
Am 1. April 1929 wurde Dr. Georg Wilhelm Sante zum ersten hauptamtlichen Leiter
des Saarbrücker Stadtarchivs berufen. Dazu wurde Sante von der preußischen
Archivverwaltung beurlaubt. Seine Berufung erklärt sich aus dem besonderen politischen
Kontext der Völkerbundszeit. Auf der einen Seite, die von französischen
Interessen geleitete Politik der Regierungskommission, die sich etwa in der Einrichtung
des Staatlichen Konservatoramtes oder der staatlichen Gemäldesammlung
widerspiegelte. Dem stehen Initiativen gegenüber, die deutsche Kultur zu pflegen,
vor allem von der Stadt Saarbrücken getragen und teilweise von Regierungsstellen
des Reiches finanziert. In diesem Kontext entstand 1924 die Stadtbücherei am
Neumarkt mit einer Zweigstelle in Burbach und die städtische Lichtbilderei, gerade
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