Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Scheidungen  prägen  die  Verhältnisse  des  Stadtarchivs  in  der  Zeit  der  politischen
Sondersituation  der  halbautonomen  Saar.  Wilhelm  Stützer,  ehemaliger  Bürodirektor
  von  Oberbürgermeister  Neikes,  wurde  im  Alter  von  71  Jahren  ehrenamtlich  mit
der  Wahrnehmung  archivischer  Aufgaben  betraut”.  Stützer  war  kein  gelernter  Archivar
  und  noch  nicht  einmal  Historiker.  Mit  großem  Einsatz  nahm  er  sein  Ehrenamt
  wahr  und  ordnete  Unterlagen  nach  Sachbetreffen  beziehungsweise  Pertinenzprinzip
  neu.  Er  zerschnitt  dabei  auch  alte  fadengeheftete  preußische  Akten  und
brachte  mit  Kopierstift  und  Kugelschreiber  auf  Akten  und  Urkunden  persönliche
Bemerkungen  und  Kommentare  an.  Für  Dr.  Hanns  Klein,  den  ersten  hauptamtlichen
  Leiter  des  Stadtarchivs  nach  dem  Krieg,  bildete  dann  die  Wiederherstellung
der  Herkunftsgemeinschaft  beziehungsweise  des  Provienienzprinzips  einen  Arbeitsschwerpunkt,
  wobei  sich  vieles  nicht  mehr  zusammenfügen  ließ  und  unwiederbringlich
  verloren  war34.
Mit  dem  promovierten  Historiker  und  Hilfswissenschaftler  Hanns  Klein  wurde
das  Stadtarchiv  erstmals  nach  dem  Krieg  1959  hauptamtlich  wieder  besetzt.  Und
dennoch  sollte  die  Archivarbeit  über  fast  zwei  Jahrzehnte  unter  völlig  unzureichenden
  Voraussetzungen  stattfinden.  Im  Rückblick  besonders  schmerzlich,  handelte  es
sich  doch  um  die  „fetten  Jahre“,  in  denen  der  finanzielle  Spielraum  vergleichsweise
  günstig  war,  auch  wenn  man  für  das  Saarland  und  Saarbrücken  auch  damals
schon  begrenzte  finanzielle  Möglichkeiten  konzedieren  muss35.
Die  Personal-  und  Finanzausstattung  war  bis  1970  absolut  unzureichend,  um
auch  nur  ansatzweise  Pflichtaufgaben  erfüllen  zu  können.  Oberbürgermeister
Schuster  war  dies  von  Anfang  an  bewusst.  Er  hatte  sich  im  Vorfeld  bei  anderen
Kommunen  nach  der  dortigen  Personal-  und  Finanzausstattung  der  Archive  persönlich
  erkundigt.  Dabei  erfuhr  er,  dass  alle  vergleichbaren  Stadtarchive  finanziell
wesentlich  besser  ausgestattet  waren  als  die  720  DM  an  Sachmitteln,  die  dem  Saarbrücker
  Archiv  1959  zur  Verfügung  standen.  Bei  dieser  Summe  blieb  es  im  wesentlichen
  bis  1970,  obwohl  schon  1959  die  Stadtarchive  in  Mannheim  über  10.500
DM  und  in  Soest  über  10.000  DM  verfügten.  Selbst  die  Stadtarchive  wesentlich
kleinerer  Städte  wie  Völklingen,  Zweibrücken  und  Kaiserslautern  hatten  Mitte  der
1960er  Jahre  einen  weitaus  höheren  Etat  als  das  Stadtarchiv  der  Landeshauptstadt
Saarbrücken36.
Spätestens  ab  1964  benannte  Klein  gegenüber  den  zuständigen  Dezernenten  in
sachlicher  und  prägnanter  Form  die  mangelhafte  Sachmittel-  und  Personalausstattung,
  dabei  lieferte  er  viele  Vergleichszahlen  zu  anderen  Archiven.  Die  Stadtspitze
  war  über  die  katastrophale  Situation  informiert,  änderte  aber  nichts  an  den
schlechten  Verhältnissen,  die  einer  Landeshauptstadt  als  unwürdig  bezeichnet  werden
  dürfen.  Neben  Klein  arbeiteten  lediglich  zwei  bis  drei  angelernte  Mitarbeiter

Stadtarchiv  Saarbrücken,  Bestand  Personalakten,  Nr.  18048.
'4  Ebd.,  Bestand  Stadtarchiv,  Nr.  302b,  Bericht  vom  16.1.1961,  31.1.1963.  Siehe  auch
Vermerke  in  Nr.  307a.
Marcus  Hahn,  Das  Saarland  im  doppelten  Strukturwandel  1956-1970.  Regionale  Politik
zwischen  Eingliederung  in  die  Bundesrepublik  Deutschland  und  Kohlekrise,  Saarbrücken
2003.
36  Stadtarchiv  Saarbrücken,  Bestand  Stadtarchiv,  Nr.  302b/13,  Schreiben  verschiedener
Kommunalarchive  auf  eine  Anfrage  des  Oberbürgermeisters  der  Stadt  Saarbrücken  in
den  Jahren  1959  und  1960.

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