Full text: Historische Blicke auf das Land an der Saar

Neben Unterlagen, die an den Archiven vorbei vernichtet werden, liegt ein 
Hauptproblem für die Archive grundsätzlich im politischen Leitungsbereich wie 
der frühere Präsident des Bundesarchivs, Hartmut Weber, einmal feststellte. Akten 
aus dem staatlichen Leitungsbereich werden zusammen mit Unterlagen aus dem 
Parteiamt, der Tätigkeit in Aufsichtsräten und anderen Gremien zusammen abge¬ 
legt. Diese Akten werden dann als persönlich betrachtet, als „Privatbesitz“ gesehen 
und den zuständigen Archiven erst gar nicht angeboten2 ’. 
Gerade das Saarland leidet nicht nur mit Blick auf den Bergbau an massiven 
Überlieferungslücken. Angesichts der Sondersituation nach dem Zweiten Welt¬ 
krieg bis 1957 sind viele Akten noch zu Lebzeiten der Akteure vernichtet oder ver¬ 
steckt worden. So sind die Akten der Christlichen Volkspartei (CVP) verschollen 
und die der Sozialdemokratischen Partei des Saarlandes (SPS) sollen bald nach der 
Fusion mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) im Frühjahr 1956 
vernichtet worden sein. Katastrophal ist auch die Überlieferung der Gewerkschaf¬ 
ten. In der besonderen politischen Situation wollte sich die bis zum 23. Oktober 
1955 regierende politische Klasse nicht angreifbar machen, auf der anderen Seite 
mieden die durch die Hoffmann-Regierung illegalisierten Kräfte verständlicher¬ 
weise die Schriftlichkeit ihres Handelns, mussten sie doch fürchten, dass diese ge¬ 
gen sie verwandt werden konnte. Hinzu kommt eine nicht an den Regeln des heuti¬ 
gen Verwaltungsverfahrensgesetzes orientierte Aktenführung der saarländischen 
Ministerialverwaltung. Zum Verständnis: die mittlere und höhere Leitungsebene 
der saarländischen Ministerialbürokratie war personell nicht im Lauf der Jahre ge¬ 
wachsen, es bestand so gut wie keine Personalkontinuität und auch auf einen erfah¬ 
renen Apparat konnte nicht zurückgegriffen werden. So unterblieb das, was in ei¬ 
ner eingeübt professionell arbeitenden Ministerialverwaltung üblich und heute et¬ 
wa durch das Verwaltungsverfahrensgesetz vorgeschrieben ist wie etwa die Auf¬ 
zeichnung von Absprachen, Besprechungen und Vorverhandlungen und die Erstel¬ 
lung aussagekräftiger Aktenvermerke, die Hintergründe und Zusammenhänge von 
Verwaltungshandeln nachvollziehbar machen. Zudem fehlten häufig geschäfts¬ 
leitende Verfügungen wie beispielsweise „zur Kenntnis“ und „zur Mitzeichnung“ 
und ebenso fehlten in den Akten die Bearbeitungsstufen vom Konzept bis zum fer¬ 
tigen Entwurf, der Grundlage der Ausfertigung war. Die damalige Landes¬ 
verwaltung wie auch die Stadt Saarbrücken arbeiteten zudem nicht systematisch 
mit einem Aktenplan - die Gegenwart zeigt hier leider eine Kontinuität23 24. 
Dies bedeutet, dass die Forschungen zur Geschichte der halbautonomen Saar 
wissenschaftlich auf die Überlieferung der französischen Ministerial- und Militär¬ 
verwaltung angewiesen sind und auch auf die Überlieferung der Bundesregierung; 
insofern sind das Archiv des Quai d’Orsay sowie das Militärarchiv und das Bun¬ 
desarchiv für die saarländische Geschichte unverzichtbar heranzuziehen, nicht nur, 
um zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen, sondern häufig, um überhaupt 
Sachverhalte rekonstruieren zu können. 
23 Weber, Kohl (wie Anm. 11). 
24 Hans-Christian Herrmann, Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft. 
Sozialpolitik und Gewerkschaften im Saarland 1945 bis 1955, Saarbrücken 1996, S. 23. 
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