Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

cen  zur  Verfügung  stellt.  Leider  ist  das  Vernichten  von  Akten  nicht  nur  die  Sache
von  Diktaturen,  die  vor  ihrem  Untergang  die  Akten,  die  bis  dato  Mittel  organisierter
  Unterdrückung  und  Verfolgung  waren,  nun  als  mögliche  Beweismittel  erkennen
und  vernichten.  Insbesondere  die  Alliierten  sorgten  mit  der  Sicherung  von  Unterlagen
  zur  Durchführung  der  Nürnberger  Kriegsverbrecherprozesse  dafür,  die  Singularität
  nationalsozialistischer  Verbrechen  für  immer  beweisen  zu  können16 *.
Und  trotzdem  führt  das  Vernichten  von  Akten  meist  nur  zu  einem  Sturm  im
Wasserglas.  Gerade  Medien  nutzen  für  ihre  historischen  Produktionen  gerne  Zeitzeugen.
  Ohne  Akten  gibt  es  nur  eine  Geschichte  über  Zeitzeugen  und  das  ist  eine
„erlebte  Geschichte“,  die  sich  zwar  medial  gut  verarbeiten  lässt,  manchmal  aber
auch  nur  falsch  sein  kann.  Als  1979  der  Film  Holocaust  einen  enormen  Schub  in
der  öffentlichen  Auseinsandersetzung  zur  Geschichte  des  Nationalsozialismus  auslöste,
  gab  es  viele  Jugendliche,  die  ihre  Eltern  und  Großeltern  fragten:  Habt  Ihr  das
nicht  erlebt,  wie  Juden  plötzlich  aus  dem  öffentlichen  Leben  verschwanden,  wie
Menschen  ins  KZ  abtransportiert  wurden?X1  Die  Antworten,  die  sie  erhielten,  waren
  immer  noch  Formeln  der  Verneinung  und  Beschwichtigung,  dabei  konnte  man
in  fast  jeder  deutschen  Stadt,  so  auch  in  Saarbrücken  und  hier  besonders  deutlich  in
der  Bahnhofstraße,  sehen,  wie  die  Kaufhäuser  mit  jüdischen  Namen  plötzlich  andere
  Bezeichnungen  trugen  und  die  Eigentümer  verschwanden.  In  Städten  und  Ländern
  mit  einer  besseren  archivischen  Überlieferung  als  in  Saarbrücken  und  im
Saarland  kann  man  die  Zwangsarisierung  als  einen  Prozess  nachweisen,  von  dem
die  Deutschen  im  Dritten  Reich  profitieren  konnten.  Die  Beweise  dafür  finden  sich
in  den  Akten  der  dazu  beauftragten  Auktionshäuser  und  der  Finanzverwaltung,  der
Notariate  und  Amtsgerichte18.
Ebenso  problematisch  ist  die  in  den  letzten  Jahren  zu  beobachtende  Überbewertung
  der  Fotografie  als  historische  Quelle,  der  ein  sich  selbst  erklärender  historischer
  Aussagewert  zugesprochen  wird.  Gerade  zu  typisch  für  diese  Sichtweise:
Die  Bilder  sind  so  einprägsam,  dass  sie  es  vermögen,  gesellschaftliche,  technische
und  technologische  Sachverhalte  und  Prozesse  glaubhaft  zu  vermitteln  [...]  Sie
wollen  gleichsam  ,  bilden  ’  und  unterhalten  9.
Zweifellos  repräsentiert  die  Fotografie  eine  wichtige  Quelle,  aber  fotografische
Quellen  allein  liegen  häufig  ohne  historischen  Kontext  vor,  der  die  Hintergründe
und  das  Entstehen  des  Fotos  erklärt.  Mit  Fotos  und  Zeitzeugenberichten  allein  kann
man  auch  kein  Standardwerk  zur  Geschichte  des  Saarbergbaus  verfassen,  sicherlich
  aber  einen  sehr  anschaulichen  und  unterhaltsamen  Beitrag  mit  Niveau  zum
Saarbergbau  leisten,  der  gerade  durch  die  Bilder  den  Menschen  die  Möglichkeit
der  Identifikation  und  Erinnerung  schenkt20.  Bilder  sind  zweifellos  eine  wichtige
Quelle  auch  für  die  Landesgeschichte.  Die  Übernahme  bedeutender  Fotografen¬1(1

  50  Jahre  Institut  für  Zeitgeschichte,  hg.  von  Horst  Möller  und  Udo  Wengst,  München
1999.
1  Susanne  Brandt,  „Wenig  Anschauung?“.  Die  Ausstrahlung  des  Films  Holocaust  im
westdeutschen  Fernsehen  1978/79,  in:  Erinnerungskultur,  Italien  und  Japan  seit  1954,  hg.
von  Christoph  CöRNELißEN,  Frankfurt/Main  2003,  S.  258.
Is  Götz  Aly,  Hitlers  Volksstaat,  Frankfurt  2005.
19  Delf  Slotta,  Der  saarländische  Steinkohlenbergbau.  Bilder  von  Menschen,  Gruben  und
bergmännischen  Lebenswelten.  Erzählungen  von  Zeitzeugen  -  aufgezeichnet  von  Georg
Fox,  Dillingen  2011,  S.  345.
20  Ebd.
518
            
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