Keine Demokratie ohne Archive! - ein Essay zur
Geschichte und Rolle des saarländischen Archivwesens
Hans-Christian Herrmann
Licht im Dunkeln - Archive auf dem Weg zu systemrelevanten
Einrichtungen in parlamentarischen Demokratien
Archive repräsentieren für weite Teile der Öffentlichkeit immer noch etwas Diffuses.
Für viele steht Archivgut für Unwichtiges, verbindet man mit dem Wort Archiv
ja auch, etwas abzulegen, was man zumindest vorläufig nicht mehr braucht.
Andererseits werden Archive seit den 1990er Jahren vor allem von den Kulturwissenschaften
und damit einer kleinen Fachöffentlichkeit als machtvolle Kontrolleure
gesehen, die den Zugang zu Geschichtsquellen bestimmen, über die Aufbewahrung
oder Vernichtung von Quellen entscheiden und damit in vielfältiger Weise die
Deutungshoheit über die Geschichte haben. Der Alltag der Archive lässt aber
Zweifel an dieser Einschätzung aufkommen1.
Beide Wahrnehmungen zeigen den nach wie vor bestehenden Entwicklungsbedarf
an archivischer Öffentlichkeitsarbeit, die sich immer noch allzu oft auf historische
Ausstellungen und Publikationen zu historischen Themen reduziert2. Vor allem
größere Archive sind dabei, sich dieser Herausforderung zu stellen und die
Funktion von Archiven in unserer Gesellschaft zu erklären. Zu den Vorreitern zählt
etwa das belgische Nationalarchiv. 2009 hat es eine virtuelle Ausstellung konzipiert,
um insbesondere die jüngere Generation mit dem Motto „Archive und Demokratie“
zu erreichen. Der Untergang der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa
hat das Bewusstsein über die gesellschaftliche Bedeutung der Archive geschärft.
Archive gelten immer mehr als unverzichtbar für eine demokratische Gesellschaft,
und nicht umsonst bildet die Unterhaltung von Archiven eine Pflichtaufgabe,
die auch in der Bundesrepublik in den Archivgesetzen des Bundes und der
Länder verankert ist3.
Was auf den ersten Blick abstrakt erscheinen mag, hat für den Bürger einen persönlich
und praktisch erfahrbaren Nutzen, wenn ihm Belege und Nachweise in seiner
Rentenbiografie fehlen und er über die Archive zu entsprechenden Nachweisen
kommt. Oder wenn er im Kontext von Erbfällen mögliche Erbberechtigte ermitteln
1 Michel FouCAULT, Of other spaces, in: Diacritics 16 (1986), S. 22-27.
2 Paul Burgard, Neue Wege im Jubiläumsjahr: das Landesarchiv Saarbrücken forciert mit
neuen Projekten seine Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit 2006, in: Unsere Archive
51/2006, S. 12-13; Alexandra Lutz, Vom „bloßen Geklapper“ zur „zwingenden Notwendigkeit“?
Eine Untersuchung der Formen des Stellenwertes der Öffentlichkeitsarbeit in
staatlichen Archiven, in: Archivarbeit zwischen Theorie und Praxis. Ausgewählte Transferarbeiten
des 35. und 36. wissenschaftlichen Kurses an der Archivschule Marburg, hg.
von Stefanie Unger, Marburg 2004, S. 187-220; Clemens Rehm, Spielwiese oder
Pflichtaufgabe? Archivische Öffentlichkeitsarbeit als Fachaufgabe, in: Der Archivar 51
(1998), S. 206-216.
1 Klaus Oldenhage, Die Archivgesetze des Bundes und der Länder in der BRD, in: Ein
Eitler für Rheinland-Pfalz: Festschrift für Franz-Josef Heyen zum 75. Geburtstag am 2.
Mai 2003, hg. von Johannes MÖTSCH, Frankfurt/Main 2003, S. 875-882.
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