Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Völklinger  Hütte  Revisited  August  2005
„Wir  haben  erst  langsam  gelernt,  die  absolute  Schönheit  zu  verstehen,  die  in  der
restlosen  Bejahung  der  Nutzform  und  der  Konstruktion  liegt“  (Paul  Clemen,  Die
künstlerischen  Strömungen  im  19ten  und  20ten  Jahrhundert).
Die  Arbeiten  zur  Erhaltung  und  Pflege  der  Hüttenanlage  -  seit  dem  Jahre  2000
betreut  von  der  Denkmalbauhütte  des  Europäischen  Zentrums  für  Kunst  und  Industriekultur-
  haben  in  den  letzten  fünf  Jahren  beachtliche  Fortschritte  gemacht.
Die  1999  schon  fast  aufgegebene,  weil  angeblich  einsturzgefährdete  Gichtbühne
der  Hochofengruppe  I  bis  IV,  ist  dauerhaft  gesichert  und  für  den  Besucher  erschlossen.
  Gleiches  gilt  für  die  Möllerhalle  mit  jetzt  großartigen  Ausstellungsräumen
  für  die  Geschichte  von  Eisen  und  Stahl,  die  Sinteranlage,  den  Erzbunker  und
die  bereits  kurz  zuvor  gesicherte  Kokerei.  „Dauerhaft“  meint  zunächst  (wahrscheinlich
  für  die  nächsten  dreißig  Jahre,  teilweise  auch  länger)  bei  laufender  Unterhaltung
  und  der  durchaus  bewussten  Gefahr,  doch  noch  einige  „Hitzekacheln“
des  „Raumschiffes“  Völklinger  Hütte  zu  verlieren,  eine  kontrollierte  Industrieruine,
  ein  work  in  progress  also,  auch  wenn  man  den  Begriff  des  kontrollierten
Verfalls,  weil  haushaltsrechtlich  möglicherweise  gefährlich  -  es  werden  immerhin
jährlich  sechs  Millionen  Euro  in  die  denkmalpflegerische  Fürsorge  der  Gesamtanlage
  investiert  -  nicht  gebraucht  und  propagiert.  Die  Hochöfen  I  bis  IV,  das  Kraftwerk
  und  die  Trockengasreinigung  sind  bisher  nicht  dauerhaft  gesichert,  sondern
eben  in  kontrolliertem  Verfall,  als  Industrieruine  vorläufig  betreut.
Die  Besucherzahlen,  wichtiger  Indikator  für  politische  Zuwendung,  sind  permanent
  gestiegen,  von  dreißig  bis  vierzigtausend  Besucher  in  den  späten  Neunzigern
auf  jetzt  immerhin  zweihunderttausend.  Unsere  einzige  Sorge  ist,  dass  die  hüttenthematisch
  fremden  jährlichen  Ausstellungen  (wie  das  „Gold  der  Inka“  oder  „Die
Schätze  aus  tausend  und  einer  Nacht“  in  diesem  Jahr)  die  verdunkelte  Gebläsehalle
und  ihre  sechs  Gasgebläsemaschinen  aus  den  Jahren  1905-1915  nicht  dauerhaft  der
Wahrnehmung  der  Besucher  als  Monumente  schöpferischer  Ingenieurkunst  entziehen.

Und  noch  ein  Wunsch:  Der  Hüttenpark.  Während  man  also  versucht,  mit  der
Weltkulturerbe  GmbH  einen  kulturellen  Folgebetrieb  im  Denkmal  aufzubauen,  der
die  verlorenen  Gewinne  langfristig  ausgleichen  und  das  Image  der  Stadt  heben
soll,  warten  die  unmittelbar  benachbarten  Industriebrachen  auf  ein  analoges  kulturelles
  und  wirtschaftliches  Altlastenmanagement.  Indem  man  die  dort  noch  verbliebenen
  baulichen  Zeugen  der  ehemaligen  Hüttennebenbetriebe  nutzt  und  zum
Bestandteil  eines  Landschaftsparks  macht,  der  exemplarisch  das  Wirtschaften  in
schwer  kontaminiertem  Gelände  erprobt,  könnte  eines  der  interessantesten  Konversionsprojekte
  der  Zukunft  entstehen:  eine  Landesgartenschau  nicht  nur  für  das
Saarland!
Völklinger  Hütte  Revisited  Januar  2012
Ein  sonniger,  kühler  Tag  -  am  Dienstag  immer  freier  Eintritt  ins  Weltkulturerbe  -
und  eine  wundervolle  Überraschung:  Die  mächtigen  (Gas)  Gebläsemaschinen  9
und  10  stehen  wieder  frei  im  nur  noch  teilweise  verdunkeltem  Gebläsehaus,  die
Maschinen  4  und  5  und  6  im  leichten  Dämmer-  und  Kunstlicht  -  ein  riesiger  Fort¬492


            
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