Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

dem  der  Maschine  zugedachten  technischen  Gebrauch,  sondern  wahrscheinlich
mehr  noch  aus  den  Bedürfnissen  unserer  Anschauung,  unserer  Neugier,  balanciert
mit  den  elementaren  Gesetzen  ihrer  physisch-chemischen  Materialität:  sie  fallen
wie  alles  auf  dieser  Welt  über  die  Jahre  in  unaufhaltsamer  Korrosion  in  sich  zusammen,
  verlieren  eine  Schicht  nach  der  anderen.  Zuerst  die  Inschriften,  Hinweise
und  Kommandos  zum  ursprünglichen  Gebrauch,  oft  in  Kreide,  dann  das  zarte  oder
kräftig  gebündelte  Gespinnst  unendlich  vieler  Schwachstromleitungen,  die  den  Betrieb
  gleich  Nerven  steuerten,  dann  erste  Konstruktionen  filigranster  Natur  wie
sichernde  Stahlnetze  oder  Venfilklappen  bedienende  Stahlseile.  Am  längsten  wird
der  Hochofenmantel  aus  Stahl  bleiben,  30  bis  40  Millimeter  stark  sind  seine
Bleche.
Mit  der  Aufnahme  der  Völklinger  Hütte  in  die  UNESCO  Weltkulturerbeliste,  so
meint  Lucius  Burckhardt,  sprengt  die  UNESCO  -  nicht  nur  sie,  sondern  auch  wirunsere
  scheinbar  homogene  Reihe  unveränderbar  in  fiktiver  Ewigkeit  zu  erhaltender
  Denkmäler.  Und  wenn  wir  sie  im  üblichen  Sinne  nicht  konservierend  erhalten
können,  an  was  -  fragt  Lucius  Burckhardt  -  soll  man  mit  der  Völklinger  Hütte,  die
eben  kein  Objekt,  sondern  materialisierter  Prozess  in  doppeltem  Sinne  ist  (der  Produktionsprozess
  im  unterschiedlich  schneiten  Verfall  seiner  Schichten),  dann
erinnern:  das  technologische  Zeugnis  für  den  Erfindergeist  der  Gründerzeit,  ihre
Arbeitsplätze  und  die  Prozesse  der  Arbeitsteilung  und  Spezialisierung,  die  Kriegsmaschine
  oder  eine  Landmarke  in  der  Saarschleife?  Bedeutet  die  Alte  Völklinger
Hütte  den  Völklingern,  wie  der  Oberbürgermeister  ihrer  Stadt  meint,  wirklich  das,
was  die  Porta  Nigra  den  Trierern,  der  Eiffelturm  den  Parisern  ist?
Und  wenn  es  wirklich  so  oder  anders  wäre,  was  müssten  wir  tun,  um  diese
ungeheure  Materie  der  Zukunft  als  Informationsquelle  zu  erhalten?  Wir  pflegen  die
Konstruktionen  und  Oberflächen  der  Bauten  und  Großmaschinen  bisher  mit  den
Bordmitteln  unseres  Ingenieurwissens,  unserer  handwerklichen  Vorbildung  und
allgemeinen  Lebenserfahrung  in  ähnlicher  Art,  wie  es  die  Hütte  tat,  solange  sie  im
Betrieb  war.  Nicht  nur  aus  diesem  Grund  beschäftigen  wir  viele  alte  Hüttenhandwerker
  in  der  Hüttenbauhütte.  Das  Vorbereiten  unserer  Arbeit  bedeutet  Erklärung
unserer  Absichten  und  ihre  Änderung  dann,  wenn  die  Partner  bessere  Vorschläge
machen.
Nur  so  viel  noch  zu  diesem  Thema  (ich  zitiere  aus  unserem  Antrag  zur  Aufnahme
  der  Hütte  in  die  Weltkulturerbeliste  der  UNESCO  und  aus  internen  Arbeitspapieren);

„In  den  mehrfach  vorhandenen  Hochofen,  Winderhitzern,  Kokereien,  Sinterund
  Gasreinigungsanlagen  können  spezifische,  alters-  und  sachbedingt  unterschiedliche
  Schutzprogramme  alternativer  Herkunft  eingesetzt  werden.  Sie  reichen
vom  traditionellen  Korrosionsschutz  über  die  konstruktive  ,Krücke‘  einer  permanenten
  Sicherung  der  Zugangswege  bis  hin  zur  Beobachtung  und  Pflege  natürlicher
  Alterungsprozesse.  Die  Entwicklung  von  Schutzkonzepten  setzt  die  Kenntnis
  der  Reststoffe  und  Kontaminationen  (Umweltgifte)  einer  Roheisenverhüttung
voraus,  die  heute  die  Anlage  über  das  Normale  hinaus  aggressiv,  zerstörend
bedrängen.  Mit  der  Erkaltung  der  Anlagen  spielen  sich  ,umgekehrte4  Reaktionen
ein,  auf  die  die  ursprünglich  permanent  erhitzte  -  und  deswegen  in  den  meisten
Bereichen  ursprünglich  kaum  rostende  -  stählerne  Anlage  nicht  vorbereitet  ist.“
Und  weiter:  „Zur  Überwachung  und  Kontrolle  des  Monuments  soll  neben  der
Ausbildung  von  optischen  Überwachern  -  sogenannten  „Hüttengängern“  -  als  F¬490


            
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