Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

barkeit  der  stillgesetzten  Hütte  stritt.  Als  Zumutung  sah  man  unsere  Position  an:  zu
stark  wirkte  das  Unglück  des  Arbeitsplatzverlustes,  der  ungeklärten  Zukunft.
Eine  Ruine  mitten  in  der  Stadt  scheint  unsere  Gesellschaft  nicht  tolerieren  zu
wollen  -  während  sie  diese  merkwürdigerweise  in  der  Stadt  doch  täglich  erlebt,  sie
nicht  nur  im  vandalenhaften  Umgang  mit  ihrem  durchaus  noch  brauchbaren  Hüttenbahnhof
  zunächst  merkwürdig  gelassen  erträgt.  1997  endlich  wird  auch  das
Empfangsgebäude  des  Hüttenbahnhofs  mit  großem  Aufwand  zum  Eingangsgebäude
  des  Weltkulturerbes  Völklinger  Hütte  ausgebaut.
Ein  zweites  Gebrauchsmodell:
Die  Hütte  als  Altstadt,  die  Revitalisierung  und  eine  neue  Cité  du  travail.
Die  Erhaltung  des  Industriedenkmals  durch  schleichende  Metamorphose,  Umbau
oder  anpassende  Erneuerung  ihrer  verschiedenen  Elemente  mit  dem  Ziel,  sie  zu
nützlichen  Mitgliedern  eines  neuen  alten  Stadtteils  zu  machen,  wurde  im  Rahmen
des  bereits  benannten  gutachterlichen  Planverfahrens  (1990)  diskutiert  und  als  unbestreitbare
  Notwendigkeit  vorausgesetzt.
Nahezu  alle  Architekten  plädierten  für  eine  „behutsame  Stadterneuerung“  und
einen  tief  in  die  „verbotene  Stadt“,  die  Hütte,  umgreifenden  neuen  Gebrauch,
neuen  Zusammenhang  schaffend,  durch  die  Auffüllung  vorhandener  Behälterarchitekturen
  und  Strukturen  mit  Containerqualität:  So  fand  sich  die  Handwerkergasse
plötzlich  als  Gasse  für  das  Kunsthandwerk  und  Kneipen,  die  Sinteranlage  als
Institut  für  Forschungen,  die  Erz-  und  Möllerbunker  als  Schauräume  eines  Museums
  für  Stahl  und  Eisen.  Auch  vor  dem  Abbruch  unbequemer  Container  schreckte
man  nicht  zurück,  ersetzte  sie  durch  formverwandte  Neubauten,  die  selbst  Fachleute
  über  ihren  Austausch  hinwegtäuschten.
Einzig  der  schweizer  Architekt  Bernhard  Tschumi  ließ  die  Denkmalwelt  von
Stahl  und  Eisen  unkommentiert  in  den  Wäldern  auf  Inseln  einer  neuen
Flusslandschaft  untergehen.  Die  neuen  Wälder  und  Parks  ließ  er  er  nach  jeweils
künftigem  Bedarf  und  raffiniert  ästhetischem  Kalkül  roden.  Die  Rodungen  nahmen
die  neuen  Arbeitsplätze  auf.
Ich  gebe  gerne  zu,  dass  die  Denkmalpflege  diesen  neuen,  alten  Zug,  wenn  auch
mit  Skrupeln,  in  Völklingen  bestieg  und  mit  überlegte,  wie  welches  Gemäuer,  welches
  Stahl-  und  Blechgehäuse  dann  zu  welchem  Zwecke  genutzt  werden  könnte.  In
einem  Arbeitspapier  vom  August  1995  ermittelten  unsere  Architekten  im  Denkmalbereich
  nützliche  Raumkapazitäten  in  folgenden  Kategorien:
•  für  Ausstellungsflächen  boten  wir  zunächst  26.200  qm,
•  für  die  Forschung  und  Arbeit  7.500  qm,
•  für  Zubehör  und  Neubau  3.200  qm  und
•  als  Open-Air-Flächen  noch  einmal  29.000  qm  an.
Inzwischen  waren  wir  durch  Erfahrung  klug  geworden:  Der  auch  von  uns  vorgeschlagene
  Ausbau  des  Gebläsehauses  im  östlichen  Hallenteil,  zu  einem  ursprünglich
  für  die  Hochschule  der  Musik  gedachten  Veranstaltungsort  hat  doch
mehr  Substanz  gekostet,  als  wir  alle  annahmen.  Darüber  hinaus  rechnet  sich  das
neue,  inzwischen  tiptop  ausgestattete,  auch  beheizte  Kongress-  und  Veranstaltungszentrum
  ganz  und  gar  nicht.  Vor  allem  für  unsere  Freunde  nicht,  die  mit  den
Jahresveranstaltungen  „Steelopolis“  und  „Schichtwechsel“  bei  schmalem  Budget
und  mit  reicher  Fantasie  die  kulturelle  „Inwertsetzung“  der  Hütte  auf  den  Weg

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