Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

früher  strukturelle  Anpassungsprozesse  an  veränderte  Marktbedingungen  als  andere
  Bundesländer.  Zwar  konnte  auf  diese  Weise  die  Rezession  von  1974/5  abgeschwächt,
  nicht  aber  die  erst  von  diesem  Zeitpunkt  an  mit  ganzer  Wucht  sich  entfaltende
  Strukturkrise  in  der  Eisen-  und  Stahlindustrie  abgewendet  werden.
Dadurch  erhielt  die  Restrukturierung  der  saarländischen  Wirtschaft  nicht  nur  eine
neue  Qualität,  sondern  zugleich  -  verstärkt  durch  die  Auswirkungen  der  internationalen
  Rezession  von  1981/2  -  eine  langfristige  Folgedimension.
Die  regional  konzentrierten  Strukturkrisen  von  Bergbau  und  Schiffbau  führten
während  des  Untersuchungszeitraums  zur  Forderung  nach  einer  Regionalisierung
der  Konjunkturpolitik^  beziehungsweise  dem  Streben  nach  einer  „Synthese  von
Konjunktur-  und  Strukturforderung“1'4.  Das  Saarland  gehörte  zu  den  ersten  Ländern,
  die  sich  für  die  1969  realisierte  Festschreibung  der  Regionalpolitik  im  Gesetz
zur  Gemeinschaftsaufgabe  der  Verbesserung  der  regionalen  Wirtschaftsstruktur
eingesetzt  hatten  und  zumeist  auch  von  den  entsprechenden  Infrastrukturmaßnahmen
  überdurchschnittlich  profitierten40.  Spätestens  mit  dem  offenen  Ausbruch
der  Stahlkrise  im  Jahre  1975  spielten  die  strukturellen  Probleme  der  Saarwirtschaft
auch  auf  europäischer  Ebene  eine  wichtige  Rolle.  1977  entwickelte  die  EG-Kommission
  einen  Krisenplan  für  die  Stahlindustrie,  der  Ablieferungsquoten,  Mindestpreise
  sowie  Importrestriktionen  enthielt,  aber  auch  eine  finanzielle  Förderung  von
Investitionen  in  produktivere  Anlagen  sowie  ein  Stahl-Forschungsprogramm  vorsah.
  Welche  Bedeutung  die  für  das  Saarland  typische  Überlagerung  von  Konjunktur-
  und  Strukturkrisen  für  die  Inangriffnahme  und  konkrete  Ausgestaltung  von
Krisenbewältigungsstrategien  nicht  nur  auf  der  Ebene  von  Land  und  Bund,  sondern
zugleich  jener  der  Europäischen  Wirtschaftsgemeinschaft  hatte  und  inwiefern  diese
auf  die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  Landes  zurückwirkte,  ist  in  weitergehenden
  Untersuchungen  noch  zu  vertiefen.

Vgl.  Karl  Keinath,  Regionale  Aspekte  der  Konjunkturpolitik.  Ein  Beitrag  zum  Problem
der  regionalen  Differenzierung  der  Globalsteuerung,  Tübingen  1978,  S.  214.
w  So  der  1966  amtierende  Wirtschaftsminister  Karl  Schiller  (Zitiert  in  Kirchdörfer,
Keynesianismus  (wie  Anm.  42),  S.  56).
90  Bundesarchiv  Koblenz,  Bl02  (Wirtschaftsministerium),  Nr.  218115.
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