Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Bundesebene  ganz  offensichtlich  zu  stärkeren  Eingriffen  in  die  Wirtschaft  und  zu
einer  Politik  des  „deficit  spending“  veranlasst84 *.  Wie  sich  dieser  Zusammenhang
im  Saarland  darstellte,  zum  Beispiel  hinsichtlich  der  Bemühungen  um  eine  Industrieansiedlungspolitik88
  oder  von  kriseninduzierten  Rationalisierungsinvestitionen
in  den  Stahiuntemehmen,  ist  hingegen  noch  weitgehend  offen.
Der  Aufsatz  konnte  zeigen,  dass  durch  die  Dominanz  der  Stahlindustrie  eine
erhöhte  Konjunkturreagibilität  des  saarländischen  Wirtschaftsstandorts  bestand,  die
im  Untersuchungszeitraum  krisenhaft  ausgeprägt  war.  Durch  die  Ansiedlung  der
Autoindustrie  -  einer  weiteren  stark  konjunkturabhängigen  Branche  -  ist  dieses
Merkmal  auch  in  den  folgenden  Jahrzehnten  -  bis  zur  Gegenwart  -  prägend.  Dies
ist  unter  den  Rahmenbedingungen  der  sozialen  Marktwirtschaft  der  BRD  jedoch
keineswegs  einseitig  als  Nachteil  des  Standorts  zu  bewerten,  da  die  Wirtschaft  des
Saarlandes  in  Konjunkturhochphasen  und  bei  der  Vergabe  von  staatlichen  Konjunkturprogrammen
  wiederholt  überdurchschnittlich  stark  profitierte.  Allerdings  ist
die  saarländische  Bevölkerung  auch  immer  wieder  großen  -  mitunter  existenzbedrohenden
  -  Belastungen  ausgesetzt.
Innerhalb  der  bundesdeutschen  Wirtschaftspolitik  nahm  das  Saarland  immer
eine  besondere  Stellung  ein.  Dies  resultierte  zu  einem  großen  Teil  aus  der  Wiedereingliederung
  des  nach  dem  Krieg  französisch  besetzten  Landes  in  die  Bundesrepublik
  seit  1957/59,  die  nicht  zuletzt  durch  wirtschaftliche  Maßnahmen  unterstützt
  werden  sollte86.  Die  praktisch  gleichzeitig  einsetzende  Kohlekrise,  die  man
wohl  als  erste  Strukturkrise  der  sich  noch  in  einer  historisch  einzigartigen  Prosperitätsphase
  befindenden  bundesdeutschen  Wirtschaft  bezeichnen  kann,  hat  erst  im
Zusammenhang  mit  der  Rezession  von  1966/67  und  in  erster  Linie  durch  ihre
Auswirkungen  auf  das  Ruhrrevier  breitere  Aufmerksamkeit  in  der  bundesrepublikanischen
  Öffentlichkeit  gefunden.  Allerdings  konnte  gezeigt  werden,  dass  im
Saarland  -  im  Gegensatz  zu  fast  allen  anderen  Regionen  in  der  Bundesrepublik  -
bereits  während  dieser  Rezession  keine  Vollbeschäftigung  mehr  existierte.  Es  kann
daher  auch  nicht  überraschen,  dass  die  Regierung  des  Saarlandes  eine  der  ersten
deutschen  Landesregierungen  war,  die  eine  aktive  Industriepolitik  betrieb.  Mit  der
Ansiedlung  der  Fordwerke  in  Saarlouis  —  die  Grundsteinlegung  erfolgte  am
16.09.1966  -  gelang  schon  früh  ein  erster  Erfolg,  der  auch  tatsächlich  sozioökonomische
  Kopplungseffekte  auslöste;  weitere  Unternehmen  folgten.  So  entstanden  im
Saarland  durch  die  Förderung  von  Industrieneuansiedlungen  zwischen  1968  und
1973  knapp  40.000  neue  Arbeitsplätze,  besonders  im  Fahrzeug-  und  Maschinenbau.
  Es  begann  ein  intraindustrieller  Strukturwandel,  in  dem  die  Investitionsgüterindustrie
  einen  herausragenden  arbeitsmarktrelevanten  Stellenwert  erhielt  -  akzeleriert
  durch  die  Mitte  der  1970er  Jahre  ausbrechende  Stahlkrise  löste  sie  schließlich
die  Montanbranche  als  wichtigsten  Arbeitgeber  des  Landes  ab87.  Das  Saarland
durchlief  aufgrund  der  im  bundesdeutschen  Vergleich  schärferen  Rezession  von
1966/7  -  so  ein  Hauptergebnis  dieser  Ausführungen  -  insofern  schon  wesentlich

Alexander  Nützenadel,  Stunde  der  Ökonomen.  Wissenschaft,  Politik  und  Expertenkultur
  in  der  Bundesrepublik  1949-1974,  Göttingen  2005,  S.  321-328.
Kirchdörfer,  Keynesianismus  (wie  Anm.  42),  S.  82;  Hahn,  Saarland  (wie  Anm.  34),  S.
350-354.
Vgl.  dazu  Hahn,  Saarland  (wie  Anm.  34).
Vgl.  Burtenshaw,  Problem  Regions  (wie  Anm.  72),  S.  30.

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