Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

aufgrund  der  seit  dem  19.  Jahrhundert  bestehenden  harten  Konkurrenz  zwischen
den  einzelnen  Werken  in  Völklingen,  Dillingen  und  Burbach  noch  Mitte  der
1960er  Jahre  undenkbar  gewesen  wäre.  Bis  auf  die  Haiberger  Hütte,  die  seit  1972
vollständig  zum  französischen  Saint-Gobain-Konzern  gehört,  waren  alle  großen
Stahluntemehmen  an  der  Saar  am  Ende  der  1980er  Jahre  miteinander  verschmolzen.
4. Wirtschaftspolitische  Herausforderungen  und  Ausblick
Die  saarländische  Wirtschaft  durchlief  im  hier  untersuchten  Zeitraum  1965-1984
eine  sowohl  konjunkturell  als  auch  strukturell  bestimmte  krisenhafte  Entwicklung,
die  Wirtschaftspolitik  und  Unternehmen  vor  neue  Herausforderungen  stellte.  Am
Beispiel  der  Stahlindustrie  wurde  gezeigt,  wie  sich  die  Struktur  der  Wirtschaftsregion
  wandelte,  wie  eine  Vielzahl  von  Einzelunternehmen  zu  einem  Gesamtunternehmen
  verschmolz  sowie  Werke  stillgelegt  und  tausende  Beschäftigte  entlassen
wurden.  Die  krisenhaften  Untemehmensentwicklungen  der  „langen“  1970er  Jahre
führten  zu  Rationalisierungen  und  Spezialisierungen,  die  eine  Kontinuität  des  saarländischen
  Stahlproduktions-Standorts  -  wenn  auch  in  einer  anderen  Gestalt  -  ermöglichten.
  Der  Fusions-  und  Modemisierungsprozess  wurde  jedoch  von  Belegschaft
  und  Gewerkschaft  keineswegs  nur  positiv  aufgefasst,  sondern  vielmehr  häufig
  als  Bedrohung  empfunden.  In  den  1980er  Jahren  machte  sich  eine  ausgeprägte
Krisenstimmung  breit,  die  den  Restrukturierungsprozess  entscheidend  beeinflusste.
Die  Wechselwirkung  zwischen  Krisenstimmung,  Krisenverlauf  und  Bewältigungsmaßnahmen
  wird  in  Zukunft  stärker  zu  untersuchen  sein.  Dabei  ist  einerseits
  zu  ermitteln,  ob  Stimmungstiefs  tatsächlich  den  Konjunkturkrisen  vorausgingen,
  sie  also  gewissermaßen  ankündigten,  wie  es  gerade  für  die  siebziger  Jahre
typisch  gewesen  sein  soll81.  Andererseits  aber  gilt  es,  unternehmerische  und  wirtschaftspolitische
  Entscheidungsprozesse  zur  Bewältigung  der  damaligen  Krisen
stärker  an  gesellschaftliche  Stimmungen  rückzukoppeln:  Während  klar  ist,  dass  die
öffentliche  Wahrnehmung  und  Kommunikation  von  Krisenprozessen  den  politischen
  Handlungsdruck  verstärkt82,  wissen  wir  bislang  nur  wenig  über  den  Stellenwert
  von  Emotionen  für  die  Erklärung  von  kriseninduzierten  Veränderungen  auf
der  Akteursebene  des  Unternehmens83.  So  hat  die  innergesellschaftliche  Krisenstimmung
  nach  dem  Schock  der  Wirtschaftskrise  von  1966/67  die  Politik  auf  der

81  Nach  Burkhard  Strümpel,  Die  Krise  des  Wohlstands,  Stuttgart  1977,  S.  86,  haben  sich
die  Konsumenteneinstellungen  in  den  siebziger  Jahren  schon  vor  der  Krise  verschlechtert.
  Dies  würde  den  von  dem  Karlsruher  Informatiker  Karl  Steinbuch  -  vielleicht  nicht
zufällig  Ende  der  1970er  Jahre  -  entdeckten  engen  statistischen  Zusammenhang  zwischen
  den  vom  Allensbacher  Institut  erhobenen  Antworten  auf  die  Frage,  ob  man  „dem
Neuen  Jahr  mit  Hoffnungen  oder  Befürchtungen  entgegen”  sähe,  und  der  nachfolgenden
Entwicklung  des  realen  Bruttosozialprodukts,  bestätigen.  Vgl.  Elisabeth  Noelle-Neumann
  und  Edgar  PiEL(Hg.),  Allensbacher  Jahrbuch  der  Demoskopie  1978-1983,  Bd.
VIII,  München  1983,  S.  673.
82  Vgl.  Grabas,  Wirtschaftskrisen  in  soziokultureller  Perspektive  (wie  Anm.  16);  Knut
Borchardt,  Wandlungen  im  Denken  über  wirtschaftliche  Krisen,  in:  Georg  Vobruba
(Hg.),  Krisen.  Prozeß,  Wahrnehmung  und  Vergleich,  Leipzig  1993,  S.  9-31.
83  Vgl.  erste  Annäherungen  in  Stefanie  van  de  Kerkhof  und  Dieter  Ziegler  (Hg.),  Unternehmenskrisen
  und  ihre  Bewältigung  im  19.  und  20.  Jahrhundert  (Jahrbuch  für  Wirtschaftsgeschichte),
  2006/2.
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