Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

duktivitätserhöhenden  Rationalisierungen70 *  -  durch  den  zu  abermaligen  Kapazitätserweiterungen
  führenden  Stahlboom  1972-1974  vernachlässigt  wurde.  Andererseits
  wurde  eine  internationale  Regulierung  von  Stahlangebot  und  -nachfrage  aufgrund
  von  erheblichen  staatlichen  Subventionen  der  Stahlindustrie  in  vielen  Ländern
  behindert  und  dadurch  der  marktgesteuerte  Wettbewerb  mitunter  ausgehebelt
  '.
In  den  saarländischen  Eisen-  und  Stahlunternehmen  führten  die  strukturellen
Probleme  der  „langen“  1970er  Jahre  zu  einer  nachhaltigen  Veränderung  der  Unternehmenslandschaft72.
  Einen  Auftakt  bildete  die  -  wie  man  sie  bezeichnen  könnte  -
„kleine“  Stahlkrise  1970/1,  die  sich  in  einem  gravierenden  Einbruch  der  Nachfrage
nach  Massenstahl  aus  dem  Saarland  äußerte  und  wesentlich  mit  der  amerikanischen
  Rezession  von  1969  in  Zusammenhang  stand73.  Als  Reaktion  wurden  nunmehr
  in  den  Unternehmen  groß  angelegte  Rationalisierungsmaßnahmen  anberaumt,
  des  weiteren  kam  es  zu  Veränderungen  in  der  Eigentümerstruktur  und  Untemehmensorganisation.
  Die  luxemburgische  ARBED  beteiligte  sich  beispielsweise
  stärker  an  der  saarländischen  Industrie;  so  übernahm  sie  1971  einen  50-prozentigen
  Anteil  an  den  Röchling’schen  Eisen-  und  Stahlwerken  in  Völklingen.
Dadurch  wurde  eine  Fusion  der  Werke  in  Völklingen  und  Burbach  möglich,  durch
die  ein  enormes  Kosteneinsparpotential  freigesetzt  wurde.  Die  fusionierten  Stahlwerke
  Röchling-Burbach  erreichten  1974  das  beste  Ergebnis  in  ihrer  jeweiligen
Werksgeschichte74.  Auf  die  anhaltenden  strukturellen  Probleme  der  Stahlindustrie
war  das  neufusionierte  Unternehmen  dennoch  nicht  vorbereitet.  Nach  den  Verlus¬11

  Vgl.  zu  dem  in  den  1960er  Jahren  einsetzenden  Beschäftigtenabbau  in  der  deutschen
Stahlindustrie  die  Zahlen  des  Statistischen  Bundesamtes.
URL:  (https://www-genesis.destatis.de/genesis/online).
1  Vgl.  Lauschke,  Die  halbe  Macht  (wie  Anm.  8),  S.  236.  Übergreifend  zu  den  strukturellen
  Schwierigkeiten  der  westeuropäischen  Industrie  in  den  langen  1970er  Jahren:  Anselm
Doering-Manteuffel  und  Lutz  Raphael,  Nach  dem  Boom,  Perspektiven  auf  die
Zeitgeschichte  seit  1970,  Göttingen  2008;  Konrad  H.  Jarausch,  Krise  oder  Aufbruch?
Historische  Annäherungen  an  die  1970er-Jahre,  in:  Zeithistorische  Forschungen/Studies
in  Contemporary  History,  Online-Ausgabe,  3  (2006/3);  Abelshauser,  Deutsche
Wirtschaftsgeschichte  (wie  Anm.  25),  S.  294-314.
72  Vgl.  Günther  Schönbauer,  Wirtschaftskrise  und  Stadttransformation.  Völklingen  und
Scunthorpe  zur  Zeit  der  Stahlkrise  der  1970er  und  1980er  Jahre,  Frankfurt/Main  1994;
Ulrich  Weigel,  Stahlhart  und  krisenfest.  Die  Saarstahlkrise  als  Bewältigungs-  und  Deutungsaufgabe
  für  die  „Kumpels“,  Konstanz  1990;  David  Burtenshaw,  Problem  Regions
of  Europe:  Saar-Lorraine,  Oxford  1976;  Josef  Esser,  Krisenregulierung.  Zur  politischen
Durchsetzung  ökonomischer  Zwänge,  Frankfurt/Main  1983;  Ders.  und  Wolfgang  Fach,
Konfliktregulierung  durch  Kartellbildung  -  Die  Stahlkrise  an  der  Saar,  Paper
Wissenschaftszentrum  Berlin  1979;  Lauschke,  Die  halbe  Macht  (wie  Anm.  8),  S.  259-283.

73  Bericht  über  das  Geschäftsjahr  der  Röchling‘schen  Eisen-  und  Stahlwerke  GmbH  1970.
4  Vgl.  Veit  Damm,  Europäische  Kooperation  als  Krisenstrategie?  Die  wirtschaftliche  Zusammenarbeit
  in  der  Region  Saarland-Lothringen-Luxemburg  1967-1990,  in:  Luitpold
Rampeltshammer  (Hg.),  Der  Einfluss  der  Europäischen  Union  auf  die  Gestaltung  von
Arbeits-,  Beschäftigungs-  und  Wirtschaftsbedingungen,  Saarbrücken  2012,  S.  31-58.
473
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.