gesellschaftliche Brisanz implizierte: Einerseits brach bei Rezessionsängsten sowie
bei internationalen Konjunkturkrisen sehr schnell die Stahlnachfrage ein, andererseits
profitierte die Branche - ungeachtet ihrer im Untersuchungszeitraum zunehmenden
Kapitalintensität - zum Beispiel aufgrund der nach wie vor großen beschäftigungspolitischen
Bedeutung überdurchschnittlich stark von staatlichen Konjunkturprogrammen.
Dieser starken Abhängigkeit von Konjunkturschwankungen
waren sich die Manager der westdeutschen Stahlunternehmen durchaus bewusst -
sie versuchten sie unter anderem durch das Auffullen der Lager in Krisenzeiten
und den Verkauf in Boomzeiten auszugleichen.
Die einschlägige Literatur"2 datiert den branchenspezifischen Konjunkturverlauf
- partiell abweichend von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - wie folgt:
Eine deutliche Abschwächung der Stahlnachfrage erfolgte nach der Rezession in
den USA 1969/70 3 und den immer gravierender werdenden weltweiten Währungsund
Inflationsproblemen"4. Die darauf folgende Stahl-Baisse hielt von 1969 bis
1971 an und trieb viele Hersteller in die Verlustzone. Auch nach der weltweiten
Wirtschaftskrise der Jahre 1974/75 kam es zu einem Einbruch: Die westdeutsche
Stahlproduktion war 1975 um knapp 20 Prozent rückläufig. Ein weiteres Tief der
Stahl nach frage folgte aufgrund der rezessiven Tendenzen nach der zweiten Ölpreiskrise
am Anfang der 1980er Jahre. Problematisch w irkte sich seit den 1960er
Jahren die zunehmende Marktpräsenz von Stahlunternehmen aus Japan sowie aus
Brasilien, Südafrika oder Australien aus, die rasch zu Überangeboten und daraus
resultierenden Preisstürzen auf dem Stahlmarkt - nicht selten an den Rand der
Produktionskosten - führten. Viele westdeutsche Unternehmen gerieten daher in
den „langen“ 1970er Jahren in die roten Zahlen"5.
Im Saarland, in dem vor allem Massenstahl hergestellt wurde, war die neue
Konkurrenz auf dem Weltmarkt besonders spürbar, weil die expandierenden japanischen,
brasilianischen, südafrikanischen und australischen Unternehmen gerade
im Massenstahlbereich Preisvorteile besaßen und sich in diesem Segment Marktvorteile
erkämpfen wollten. Insofern wirkten sich die krisenhaften „langen“ 1970er
Jahren im Saarland vergleichsweise stark aus, zumal der technologische Strukturwandel
hier langsamer als in den anderen bundesdeutschen Stahlregionen erfolgt
war. Tabelle 2 zeigt beispielhaft die relative Rückständigkeit des Saarlands in Hinblick
auf die Umstellung der Stahlherstellung von dem traditionellen Thomas- und
Siemens-Martin-Verfahren auf die - unter der Voraussetzung steigender Arbeits-52
Vgl. ebd. S. 70, 89; Lauschke, Die halbe Macht (wieAnm. 8); Yves Meny, Vincent
WRiGHT(Hg.): The Politics of Steel: Western Europe and the Steel Industry in the Crisis
Years (1974-1984), Berlin 1987.
Vgl. Allan H. Meltzer, A History of the Federal Reserve, Bd. 2.2, 1970-1986, Chicago
2009, S. 741 f.
"4 Vgl. Veit Damm, Währungsturbulenzen und Arbeitsmarkt in Europa in den 1970er Jahren.
Zur Änderung der Parität von D-Mark und Franc und den Folgen für den grenzübergreifenden
deutsch-französisch-luxemburgischen Arbeitsmarkt, in: Internationale Wissenschaftliche
Vereinigung Weltwirtschaft und Weltpolitik (1WVWW) - Berichte
192/193 (2011), S. 95-105.
Vgl. Plumpe, Krisen in der Stahlindustrie (wie Anm. 51), S. 84.
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