Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Investitionen  der  saarländischen  Industrie  (im  Verarbeitenden  Gewerbe)  förmlich
explodiert24.  Wenngleich  diese  zu  Beginn  der  1970er  Jahre  wieder  rückläufig
wurden,  verblieben  sie  dennoch  auf  einem  höheren  Niveau  als  vor  1966/7.  Bevor
auf  die  damit  verbundene  -  beschäftigungspolitisch  brisante  -  Arbeitsmarktproblematik
  näher  eingegangen  wird,  soll  zunächst  untersucht  werden,  ob  sich  die  bisher
  betrachteten  Entwicklungen  auf  den  Strukturwandel  auswirkten  beziehungsweise
  wie  sie  durch  ihn  transparent  wurden.
2.2 Der  Strukturwandel
2.2.1 Der  intersektorale  Strukturwandel
Unter  dem  intersektoralen  Strukturwandel  versteht  man  die  so  genannte
Deindustrialisierung  beziehungsweise  Tertiarisierung,  also  den  Rückgang  der
Bedeutung  des  sekundären  Sektors  bei  gleichzeitiger  Zunahme  des  Stellenwertes
des  tertiären  Sektors.  Dieser  Prozess  setzte  in  der  Bundesrepublik  -  nach  einem
letzten,  im  internationalen  Vergleich  eher  außergewöhnlichen  Industrialisierungsschub
  in  den  fünfziger  und  sechziger  Jahren  -  um  1970  ein  und  wird  in  der  Regel
durch  die  Anteile  der  einzelnen  Sektoren  an  der  volkswirtschaftlichen  Wertschöpfung
  und  der  Beschäftigung  gemessen25.
Grafik  2  zeigt,  dass  im  Saarland  des  Jahres  1960  der  sekundäre  Sektor  ein  um
immerhin  acht  Prozentpunkte  höheres  Gewicht  besaß  als  in  der  Bundesrepublik.
Hier  setzte  dann  aber  bereits  in  den  sechziger  Jahren  eine  deutliche  Deindustrialisierung
  ein,  so  dass  das  Saarland  im  Jahre  1970  trotz  seiner  montanindustriellen
Prägung  nicht  stärker  industrialisiert  war  als  die  Bundesrepublik  insgesamt,  der
tertiäre  Sektor  expandierte  sogar  bis  1970  schneller  als  im  Bundesdurchschnitt.
Nach  1970  wuchs  dann  der  tertiäre  Sektor  im  Saarland  langsamer  als  in  der  Bundesrepublik.
  Während  im  Saarland  die  Zahl  der  Beschäftigten  im  tertiären  Sektor
von  1970  bis  1987  um  32%  zunahm,  lag  ihr  Anstieg  im  Bundesdurchschnitt  bei
42%26.  Diese  Differenz  resultierte  vor  allem  aus  unterschiedlichen  Entwicklungen
im  Handel.  Während  hier  die  Beschäftigtenzahl  im  Saarland  um  4%  zurückging,  ist
sie  im  gesamten  Bundesgebiet  um  8%  gewachsen.

“4  Vgl.  Norbert  Bettinger,  Struktur  und  Entwicklung  der  Investitionstätigkeit  im  Verarbeitenden
  Gewerbe  des  Saarlandes  1964  bis  1982,  in:  Statistische  Nachrichten.  Vierteljahrsschrift
  des  Statistischen  Landesamtes  3  (1984),  S.  30-35,  vgl.  dazu  auch  Igor  Hirsch,
Konjunkturgeschichte  des  Saarlandes  1967  bis  1982.  Eine  wirtschaftshistorische  Analyse
aus  soziokultureller  Perspektive,  Magisterarbeit  Saarbrücken  2011,  S.  42.
23  Vgl.  Gerold  Ambrosius,  Sektoraler  Wandel  und  internationale  Verflechtung:  Die  bundesdeutsche
  Wirtschaft  im  Übergang  zu  einem  neuen  Strukturmuster,  in:  Thomas  Raithel,
Andreas  Rödder  und  Andreas  Wirsching  (Hg.),  Auf  dem  Weg  in  die  Moderne?  Die
Bundesrepublik  Deutschland  in  den  siebziger  und  achtziger  Jahren,  München  2009,  S.
17-30;  Werner  Abelshauser,  Deutsche  Wirtschaftsgeschichte  seit  1945,  Bonn  2004,  S.
302-314.
2(1  Vgl.  Franz-Josef  Bade,  Die  Stellung  des  Saarlandes  im  wirtschaftlichen  Strukturwandel
der  Bundesrepublik  Deutschland,  in:  Zeitschrift  für  Wirtschaftsgeographie  34  (1990),  S.
200.

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