Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Wicklung10  -  sie  sind  „ein  zentrales  Moment  des  ökonomischen  Strukturwandels“16
 17.
Eine  ähnlich  transformatorische  Wirkungsdimension  kann  auch  den  Strukturund
  Konjunkturkrisen  der  „langen“  1970er  Jahre  zugewiesen  werden.  Akzeleriert
durch  die  beiden  Ölpreisschocks  von  1973  und  1979  und  verstärkt  durch  den  Zusammenbruch
  des  Währungssystems  von  Bretton  Woods  im  Jahre  1971,
konstituierten  sie  durch  ihre  im  Zeitablauf  variierenden  Überlagerungsdynamiken
überall  in  Europa  ein  Jahrzehnt  systemübergreifender  -  transnationaler  -  Wirtschaftskrisen
  von  zäsursetzender  Entwicklungsrelevanz.
Wie  verliefen  nun  im  Saarland  Konjunktur  und  Wachstum  während  des  Zeitraums
  der  „langen“  1970er  Jahre  insgesamt  sowie  in  den  einzelnen  Industriebranchen?
  Wie  gestaltete  sich  der  strukturelle  Wandel  und  welche  Auswirkungen  hatten
  die  Krisen  insbesondere  auf  dem  Arbeitsmarkt?
2.1 Konjunktur  und  Wachstum  in  der  BRD  und  im  Saarland
Die  wirtschaftliche  Entwicklung  in  ihrer  Einheit  von  Konjunktur  und  Wachstum
lässt  sich  durch  die  Berechnung  von  jährlichen  Wachstumsraten  des  Sozialprodukts
  abbilden,  wenngleich  diese  im  Unterschied  zu  anderen  Diagnoseverfahren
gerade  die  konjunkturellen  Umkehrprozesse  früher  anzeigen.  Bei  dem  hier  vorgenommenen
  Vergleich  zwischen  der  BRD  und  dem  Saarland  ist  vor  allem  die  unterschiedliche
  Struktur  der  Grundgesamtheiten  zu  beachten.  Dies  erklärt  mitunter  eine
stärkere  Schwankungsintensität  der  Wachstumsraten  im  Saarland  (siehe  Abb.  1).
Vor  diesem  Hintergrund  scheint  es  -  wie  eingangs  erwähnt  -  durchaus  plausibel,
den  Wirtschaftskrisen  im  Saarland  einen  im  bundesdeutschen  Vergleich  stärkeren
Ausprägungsgrad  (Länge,  Tiefe  und  Schärfe)18  zuzuschreiben.  Dieses  Bild
relativiert  sich  jedoch  bei  näherer  Betrachtung:  So  folgte  die  saarländische  Konjunktur
  im  Untersuchungszeitraum  zwar  dem  allgemeinen  Muster  der  Bundesrepublik,
  im  Einzelnen  ergeben  sich  allerdings  durchaus  einige  Verlaufsspezifika:
1.  Die  Rezession  von  1966/67  im  Saarland  war  -  verglichen  mit  der  volkswirtschaftlichen
  Krisendynamik  -  sowohl  schärfer  als  auch  tiefer.
2.  Die  Rezession  von  1974/75  war  dagegen  weniger  scharf  und  tief  als  im
bundesdeutschen  Durchschnitt.
3.  Allerdings  folgte  dieser  Rezession  im  Saarland  im  Vergleich  zur
Bundesrepublik  ein  bemerkenswert  instabiler  Aufschwung,  wenngleich
auch  die  Wachstumsraten  des  bundesdeutschen  Bruttoinlandsprodukts

16  Zum  Krisenbegriff  vgl.  ausführlich  Margrit  Grabas,  Wirtschaftskrisen  in  soziokultureller
  Perspektive.  Plädoyer  für  eine  kulturalistisch  erweiterte  Konjunktur(geschichts)-forschung,
  in:  Geschichte  und  Gesellschaft.  Sonderhefte,  Heft  24:  Wirtschaftskulturen  -
Kulturen  der  Weltwirtschaft,  hrsg.  v.  Werner  Abelshauser,  Andreas  Leutzsch  und
David  Gilgen,  Göttingen  2012,  S.  261-283.
1  Werner  Plumpe,  Wirtschaftskrisen.  Geschichte  und  Gegenwart,  München  2010,  S.  116.
lx  Bemessungsgrundlage  sind  die  jeweiligen  konjunkturellen  Wendepunkte,  wobei  unter
„Tiefe“  der  Krise  der  prozentuale  Rückgang  der  untersuchten  Indikatorreihe  und  unter
„Schärfe“  dessen  Geschwindigkeit  verstanden  wird.  Vgl.  Grabas,  Konjunktur  (wie
Anm.  7),  S.  116-118.
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