Full text: Historische Blicke auf das Land an der Saar

onsbetriebe hervorgerufen wurden, keineswegs auf die letzten 50 Jahre beschränkt 
sind, sondern bereits seit der Früh- und Hochindustrialisierung sowohl im wissen¬ 
schaftlichen Diskurs*’1 als auch in weiten Teilen der Bevölkerung thematisiert wur¬ 
den. Zugleich hat sich der Gebrauch der „Natur“ im Laufe des 19. und 20. Jahr¬ 
hunderts ebenso grundlegend geändert wie die Wahrnehmung von Störungen im 
Mensch-Umwelt-System durch betroffene Gruppen oder staatliche und kommunale 
Institutionen. Bereits um 1900, aber erst recht in der heutigen Zeit der flächende¬ 
ckenden zentralen Wasserversorgung, erscheint eine Klage wie diejenige, die meh¬ 
rere Neunkirchener Bürger 1842 gegen die Errichtung einer Leimsiederei vor¬ 
brachten, „unvernünftig“ und aus einer anderen Welt zu stammen: Das Wasser der 
Blies, so deren Befürchtung, würde durch deren Anlage der art verunreinigt, daß 
es zu den verschiedenen Zwecken, namentlich zum Waschen, zum Tränken des Vie¬ 
hes, zum Bierbrauen und und selbst zum Kochen, wozu es bedürfend sei, nicht 
mehr gebraucht werden könnebl. Die Bedürfnisse einer noch weitgehend von der 
Landwirtschaft lebenden Gesellschaft sind eben grundlegend verschieden von de¬ 
nen der (post)moderner Gesellschaften, und die Menschen kämpfen selten für eine 
wie auch immer geartete „Natur an sich“, sondern meist für eine Natur, in die sie 
„eigene Bedürfnisse“ projizieren63. An die Stelle der 1842 spürbaren Angst vor der 
Verschmutzung ist im Zeitalter der Ökologie die Angst vor der Vergiftung getre¬ 
ten, die als unvorhersehbare und unsichtbare Kontamination wenn nicht im Fluss-, 
so doch im Leitungswasser lauert und durch den Genuss „quellfrischen“ Mineral¬ 
wassers vermieden werden kann. 
Gewässerschutz hat einen festen Platz in der Entwicklung des Umweltschutzes 
und das Wasserrecht war von Anbeginn ein zentraler Bereich des sich ausbilden¬ 
den Umweltrechts. Auf dem Gebiet des Gewässerschutzes kam es nun in den ver¬ 
gangenen vier Jahrzehnten, insbesondere auf Druck der Umwelt- und Naturschutz¬ 
bewegungen und mehrfach angestoßen durch spektakuläre Fälle von Fischsterben, 
die wiederum nicht unerheblich zur Steigerung des Umweltbewusstseins der Be¬ 
völkerung beitrugen, zu gewichtigen Erfolgen: Die kommunale Abwasserreinigung 
wurde ebenso eingeführt wie eine weitreichende Klärung von industriellen Einlei¬ 
tungen, Flüsse und Bäche wurden „renaturiert“, Begradigungen und Kanalisierun¬ 
gen rückgängig gemacht und die nach Schmutzfrachten bemessenen Abwasserab¬ 
gaben haben nachgerade einen Vorbildcharakter für umweltbezogene Lenkungsab¬ 
gaben gewonnen. An den Standorten Rhein, Ruhr und Saar war es aber vor allem 
auch der Niedergang der Schwerindustrie, der zur Entlastung von Flüssen und Bä¬ 
chen beitrug. 
Ein anschauliches Beispiel für diese Entwicklung bietet die Blies, die mit etwa 
120 Kilometern der längste Nebenfluss der Saar ist und fast 700 Quadratkilometer 
(über 27% der Fläche des Saarlandes) entwässert. Noch Anfang der 1960er Jahre 
galt der Bliesabschnitt zwischen Neunkirchen und Homburg - zusammen mit dem 
61 Die wissenschaftliche Literatur zur Wasserverschmutzung lässt im Übrigen bereits im 
19. Jahrhundert eine scharfe Dichotomie zwischen Pessimisten und Optimisten erkennen, 
also zwischen jenen Wissenschaftlern und Kommentatoren, die Flüsse für irreparabel be¬ 
schädigt halten, und denjenigen, die an die Möglichkeit seiner Reinigung und die Wie¬ 
derherstellung des Status-quo-ante glauben. 
62 StAN, AI, Nr. 395, S. 180-182. 
63 Vgl. Radk.au, Was ist Umweltgeschichte? (wie Anm. 2), S. 15. 
392
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.