Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Die  Richter  erkannten  abschließend  an,  daß  der  Zustand  der  Blies  seit  vielen
Jahren  zu  berechtigten  Klagen  der  Anlieger  Anlaß  gegeben  habe,  hielten  aber  den
Beklagten  zugute,  dass  sie  allein  gar  nicht  in  der  Lage  wären,  eine  wesentliche
Besserung  der  Zustände  herbeizufiihren,  auch  deshalb,  weil  sie  nicht  die  einzigen
sind,  die  ihre  Abwässer  in  die  Blies  leiten.  Abhilfe  könne  aber  die  Bildung  einer
Wassergenossenschaft  nach  dem  Vorbild  der  Emscher  Genossenschaft  bieten,  bei
der  nicht  einzelne  Betriebe,  Ortschaften  und  Städte,  sondern  alle  Beteiligten  heranzuziehen
  wären50.  Im  November  1933  beziehungsweise  im  Februar  1934  wurde
dann  auch  die  Klage  des  Fischereipächters  Christian  Lawall  auf  Schadensersatz
abgewiesen  -  zunächst  vom  Landgericht  Saarbrücken,  danach  im  Berufungsverfahren
  vom  Obersten  Gerichtshof  des  Saargebietes.  Die  Flauptverursacher  der
Bliesverschmutzung  -  Eisenwerk,  Gruben  und  Stadt  -  wurden  noch  einmal  gerichtlich
  exkulpiert  und  durften  weiterhin  ihre  teils  hochgiftigen  Abwässer  in  die
Blies  leiten.  Der  Bau  von  Kläranlagen  oder  die  Bildung  einer  Wassergenossenschaft
  wurde  niemals  ernsthaft  ins  Auge  gefasst;  da  weiterhin  ein  jeder  Schädiger
den  andern  die  Schuld  zuschieben  konnte,  blieb  die  Blies  -  entgegen  dem  frommen
Wunsch  des  Gerichtes  -  für  weitere  vier  Jahrzehnte  eine  stinkende  Kloake.
3. „Die  Zerstörung  Schnappachs“:  Bergschäden  als  Politikum  in
der  Zeit  der  Völkerbundsregierung
Die  „Bliesprozesse“  waren  nicht  die  einzigen  gerichtlichen  Auseinandersetzungen,
in  denen  in  den  späten  Jahren  der  Völkerbundsregierung  um  ein  akzeptables  Maß
industriebedingter  Umweltveränderungen  oder  um  die  Kompensation  individueller
Schäden  gestritten  wurde.  In  Schnappach  formierten  sich  seit  Mitte  der  3920er-Jahre
  Proteste  gegen  erhebliche  Grubensenkungen,  die  die  ehemals  bayerische
Grube  St.  Ingbert  durch  den  Abbau  von  Steinkohle  direkt  unter  dem  Ort  hervorrief.
Schnappach  hatte  lange  von  seinen  beiden  Glashütten  gelebt,  von  der  bereits  1784
von  Gräfin  Marianne  von  der  Leyen  gegründeten  Mariannenthaler  Hütte  und  der
1809  von  Carl  Philipp  Vopelius  errichteten  Glashütte.  Hinzu  kam  der  Umstand,
dass  Schnappach,  wo  das  nördliche  Mundloch  der  Grube  St.  Ingbert  lag,  als  Ortsteil
  der  Stadt  St.  Ingbert  zwischen  1816  und  1919  eine  bayerische  Enklave  im
preußischen  Sulzbachtal  bildete;  erst  durch  die  Gebietsreform  1974  kam  der  kleine
Ort  zur  Stadt  Sulzbach.  Das  vergleichsweise  billige  bayerische  Bier  zog  die  preußischen
  Bergleute  aus  Sulzbach  und  Friedrichsthal  wohl  magisch  an,  so  dass
Schnappach  um  die  Wende  vom  19.  zum  20.  Jahrhundert  eine  ungewöhnlich  hohe
Dichte  von  Wirtshäusern  aufwies.
Kein  anderer  Industriezweig  hat  die  saarländische  Kultur-  und  Naturlandschaft
in  den  letzten  eineinhalb  Jahrhunderten  stärker  verändert  als  der  Steinkohlebergbau.
  Wo  der  frühneuzeitliche,  meist  oberflächennah  und  im  schrägen  Stollenbau
betriebene  Bergbau  nur  relativ  kleine  Pingen  -  runde  oder  linienförmige  Einsturzfelder
  von  Stollen  oder  Schächten  -  hinterließ,  prägte  der  moderne,  mit  immer  tieferen
  Schächten  betriebene  Bergbau  das  Weichbild  saarländischer  Städte  und  Dörfer
  überirdisch  durch  riesige  Bergehalden  und  Absinkweiher  und  schuf  unterirdisch
gigantische  Hohlräume,  die  bei  mangelhafter  Verfüllung  ganze  Landstriche  absinken
  ließen  oder  zumindest  Bergschäden  in  Form  von  Rissen  an  Gebäuden,  Straßen

50  StAN/Dep,  o.  Nr.  (Akten  der  Bliesprozesse),  o.  S.
388
            
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