greifen müssen. Durch diese Verunreinigung der Blies entstehen gesundheitliche
Schäden für die Anwohner und ferner in erheblichem Maße auch wirtschaftliche
Schäden für diejenigen Landwirtschafttreibenden, die am Bliesbett ihre Wiesen
haben. Besonders trifft dies für zahlreiche Bewohner aus der Bergmanns- und
kleinlandwirtschaftlichen Gemeinde Wellesweiler zu. Dort führe man seit 1902 erfolglos
Klagen gegen die Missstände, sei es bei Behörden des Kreises, des Regierungsbezirkes
Trier oder der Berliner Regierung. Die Petenten seien der Ansicht,
daß den Beschwerden deshalb nicht stattgegeben wird, weil man an gewissen Stellen
die Meinung zu haben scheint, daß die meist kleinen Leute, um die es sich hier
handelt, gegen die Großindustriellen und gegen den Bergfiskus, auf dem Rechtswege,
auf den es schließlich ankommt, doch nichts ausrichten können, weil ihnen
die Mittel dazu fehlen^.
Das Bestreben der Geschädigten, gegen die zunehmende Verunreinigung der
Blies doch etwas auszurichten, intensivierte sich schließlich in den späten 1920er-Jahren
und nahm zugleich andere Formen an. Im Sommer 1927 schlossen sich
zahlreiche Vertreter von Kommunen des saarpfalzischen Bliestales - Limbach,
Blieskastel, Niederbexbach. Limbach, Schwarzenacker - und des Bezirkamtes
Homburg zu einer Interessenvereinigung zusammen, die entschlossen war, den
Prozessweg zu beschreiten, ln einer Resolution wies man nochmals darauf hin,
dass sich die Verunreinigung gerade im Sommer als jeder Hygiene spottendefrj
Zustand für die Gesamtbevölkerung der anliegenden Bliesdörfer durch pestilenzartigen
Gestank besonders bemerkbar mache und verlieh der Erwartung Ausdruck,
daß die Regierungskommission neben dem heute in die Wege geleiteten Zivilprozeß
baldigst auf dem Verwaltungsweg für Abhilfe sorgen werde* 44. In den nächsten Jahren
kam es zu weiteren Protestversammlungen und Eingaben, und der Ton der
Presse verschärfte sich. Die kommunistische „Arbeiterzeitung“ erschien im September
1929 mit einem Artikel zur Pest über Neunkirchen und gab klar zu verstehen,
dass kein NOTRUF zu Kreis und Regierung, sondern nur der Kampf der proletarischen
Klasse helfen werde45. Etwas moderater berichtete die sozialdemokratische
„Volksstimme“ unter dem Titel Die Blies als Verpesterin der Landschaft über
die Bürgerproteste in Wellesweiler. Sie unterstützte nachdrücklich den nur zu berechtigten
Notschrei der betroffenen Bevölkerung, wagte aber kaum die Hoffnung
auszusprechen, daß er baldigen Erfolg haben wird, da der Industrie-Kapitalismus
für seine traditionell guten Beziehungen zu kommunalen und staatlichen Instanzen
bekannt sei, das Wohl der Bevölkerung aber als Nebensache betrachte46.
Anfang des Jahres 1928 wurde die Ankündigung der Bliesanlieger, den Rechtsweg
zu beschreiten, in die Tat umgesetzt. Der Limbacher Landwirt Friedrich
Schleppi reichte am 25. Januar des Jahres bei der 5. Zivilkammer des Landgerichts
Saarbrücken Klage gegen die Stadt Neunkirchen, die Administration des Mines
Domaniales Françaises du Bassin de la Sarre und die Neunkircher Eisenwerk AG
auf Schadensersatz ein, da das verschmutzte Blieswasser den Grasaufwuchs seines
Wiesengrundstückes fast völlig vernichtet hatte. Zeitgleich reichte Karl Weber,
Sitzungsbericht der 103. Sitzung des Deutschen Reichstags vom 1. Februar 1913, in:
Neunkirchener Zeitung, 20. Jg., Nr. 27, 3. Februar 1913.
w Saar- und Blies-Zeitung Nr. 178, 3. August 1927, S. 3.
Pest über Neunkirchen, in: Arbeiterzeitung, 14. September 1929.
Die Blies als Verpesterin der Landschaft, in: Volksstimme, 18. September 1929.
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