sondern besitze überhaupt in seinen gelösten Bestandteilen keinerlei Stoffe in solchen
Mengen, dass man daraus irgend einen schädlichen Einfluss für den Pflanzenwuchs
herleiten könne40.
Ob die Widersprüchlichkeit der Gutachten unterschiedlichster Provenienz dazu
beitrug, gezielte Verbesserungsmaßnahmen weiterhin zu blockieren, ist fraglich.
Es mangelte wohl vor allem am politischen Willen, die Proteste des „niederen
Volkes“ ernst zu nehmen, obwohl gerade um die Jahrhundertwende das Problem
der (städtischen) Abwasserbeseitigung und Wasserverschmutzung ausgiebig diskutiert
wurde41 und die Kommunen aufgrund der nur in Teilbereichen gegebenen
staatlichen Gesetzgebung (wie etwa der preußischen Gewerbeordnung) die Möglichkeit
einer eigenständigen aktiven Umwelt(schutz)politik besaßen42. Daran änderte
auch die Tatsache nichts, dass Bartholomäus Koßmann, der seit 1912 den
Wahlkreis Ottweiler als Abgeordneter des Zentrums im Deutschen Reichstag vertrat,
die Verunreinigung der Blies in der Reichstagssitzung vom 1. Februar 1913
zur Rede brachte. Koßmann stellte heraus, dass die Abwässer des Eisenwerks, der
Bergwerke und der Gemeinde Neunkirchen den Fluss in einer Weise belasteten,
daß eigentlich die Regierung bezw. die Gesundheitspolizei schon längst hätte ein¬40
StAN/Dep, 1/4/02/34, o. S.
41 Vgl. etwa Hermann Salomon, Die städtische Abwässerbeseitigung in Deutschland. Wörterbuchartig
angeordnete Nachrichten und Beschreibungen städtischer Kanalisations- und
Kläranlagen in deutschen Wohnplätzen (Abwässer-Lexikon), Jena 1906; Heinrich ZELLner,
Die Verunreinigung der deutschen Flüsse durch Abwässer der Städte und Industrien,
Berlin 1914; Josef König, Maßnahmen gegen die Verunreinigung der Flüsse, Berlin
1903; Georg Bonne, Deutsche Flüsse oder deutsche Kloaken? Eine ernste Mahnung in
letzter Stunde an unsere Regierungen und an unser Volk, Hamburg 1907; F. GUTH, R.
Häuser und A. Zitek, Die Ergebnisse von Untersuchungen der Saar auf der Strecke von
Güdingen bis Völklingen und die Reinhaltung des Flusses im Gebiete der Stadt Saarbrücken
bzw. im Saarindustriegebiet, in: Gesundheits-Ingenieur. Zeitschrift für die gesamte
Städtehygiene 41 (1918), Nr. 33, S. 293-302, Nr. 34, S. 305-313, Nr. 35, S. 317-319. -
Auch die Forschung hat sich dieses Themas intensiv angenommen: Ulrike Klein, Die
Gewässerverschmutzung durch den Steinkohlebergbau im Emschergebiet, in: Westfalens
Wirtschaft am Beginn des Industriezeitalters, hg. von Hans-Jürgen Teuteberg, Dortmund
1988, S. 337-358; Johann Paul, Die Rheinverschmutzung in Köln und Leverkusen
im 19. und 20. Jahrhundert, in: Die Alte Stadt 18 (1991), S. 385-402; ders., Flußverunreinigung
und Gewässeraufsicht im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel der Sieg im
Landkreis Altenkirchen, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 17 (1991), S.
227-239; John von Simpson, Die Flußverunreinigungsfrage im 19. Jahrhundert, in: Vierteljahrschrift
für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 65 (1978), S. 370-290; Jürgen BÜ-SCHENFELD,
Flüsse und Kloaken. Umweltfragen im Zeitalter der Industrialisierung (1870-1918),
Stuttgart 1997; Günter Heine, Ökologie und Recht in historischer Sicht, in: Ökologische
Probleme im kulturellen Wandel, hg. von Hermann Lübbe und Elisabeth STRÖker,
o. O. 1986, S. 116-134; Thomas Rommelspacher, Das natürliche Recht auf Wasserverschmutzung.
Geschichte des Wassers im 19. und 20. Jahrhundert, in: Besiegte Natur.
Geschichte der Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert, hg. von Franz-Josef BrÜGGEmeier
und Thomas Rommelspacher, München 1987, S. 42-63.
42 Vgl. Engelbert Schramm, Kommunaler Umweltschutz in Preußen (1900-1933). Verengung
auf Vollzug durch wissenschaftliche Beratung?, in: Stadt und Gesundheit. Zum
Wandel von „Volksgesundheit“ und kommunaler Gesundheitspolitik im 19. und frühen
20. Jahrhundert, hg. Von Jürgen Reulecke und Adelheid Gräfin zu Castell Rüdenhausen,
Stuttgart 1991, S. 77-89.