gespendet und die Bevölkerung für den Nationalsozialismus gewonnen werden
sollte36.
ln den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts führten vor allem die Mitglieder der
Wässereigenossenschaft Wellesweiler einen verzweifelten Kampf mit den Vertretern
von Politik und Industrie um die Reinhaltung der Blies. Viele Wellesweiler
Bürger, die als typische „Arbeiterbauem“ in Hütte oder Gruben beschäftigt und
zugleich Nebenerwerbslandwirte waren, befanden sich sicher in einer ambivalenten
Position, denn wer klagt schon gerne gegen seinen Arbeitgeber? Die geringfügigen
Entschädigungen, die sie für den Minderertrag ihrer Wiesen erhielten, waren
kaum der Rede und stets mit dem Vorwurf gekoppelt, sie würden es bei ihren Wiesen
an der nötigen Pflege fehlen lassen37. Die Hauptschädiger - Eisenwerk, Gruben
und Stadt - stritten untereinander über die Höhe des je eigenen Anteils an der
zunehmenden Wasserverschmutzung und blockierten durch ihre Konflikte weitreichende
Besserungsmaßnahmen; die Stadt Neunkirchen verstieg sich gar zu der -
gutachtlich abgesicherten - Behauptung, dass ihre Abwässer nur düngend wirken
und daher nützen, nicht aber schaden™.
Die Auseinandersetzung wurde zusehends zum Gutachterkrieg. So gab die Bürgermeisterei
Neunkirchen 1901 bei der Versuchsstation des landwirtschaftlichen
Vereins für Rheinpreußen in Bonn ein Gutachten zu den Schädigungen der Wellesweiler
Wiesen in Auftrag. Nach einer Stauung der Blies im Jahr 1899 hatten viele
Wiesen in Flussnähe im Mai 1900 wie verbrannt ausgesehen, der Graswuchs
fehlte entweder völlig oder war nur äußerst spärlich. Bei einer Begehung der Wellesweiler
Wiesen durch den Vorsteher der Versuchsstation erwiesen sich grosse
Flächen Gras durch einen weissen bis roten Ueberzug zusammengeklebt oder
schwarz verschlemmt, an den Bachrändern der Blies war streckenweise jegliche
Vegetation abgestorben. Als ursächlich für die Beschädigungen des Grases erachtete
er primär Algen, Infusorien, Eisen- und sonstigen Schlamm [...], welche in
Blies und Wässerungsgraben im Laufe der Jahre sich angereichert haben und bei
der Bewässerung über die Wiesen geschwemmt wurden. Schließlich führte er die
Verfilzung des Wiesenbodens primär auf das nach seinem Gehalte an Salzen speziell
Schwefelsäure zur Wässerung ungeeignete Blieswasser zurück, welches im
Laufe der Jahre zur Degeneration des Bodens geführt habe 7.
In den nächsten Jahren wurden noch weitere Gutachten erstellt, die teilweise das
genaue Gegenteil des oben zitierten behaupteten, so etwa durch die Chemische Abteilung
der Emschergenossenschaft in Essen, die 1909 im Auftrag des Wasserwirtschaftlichen
Verbandes für die Firma Gebrüder Stumm die Verwendbarkeit des
Blieswassers zum Berieseln von Wiesen anhand von drei durch das Eisenwerk entnommenen
Proben untersuchte. Die Experten der Emschergenossenschaft kamen
zu dem Schluss, dass das Blieswasser aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung
zur Wiesenberieselung durchaus geeignet sei, vorausgesetzt, dass es stets den
eingesandten Proben entspreche. Das Wasser sei nicht nur recht arm an Kochsalz,
Vgl. Lore, Die Blies in Neunkirchen, S. 3-8.
Schreiben des Bürgermeisters der Stadt Neunkirchen an den Abgeordneten Herrn Generalleutnant
a. D. von Schubert, 5. Mai 1909, in: StAN/Dep, 1/4/02/34 (Entschädigungen
für die Wässereigenossenschaft Wellesweiler 1902-1934), o. S.
38 Ebd.,o. S.
39 StAN/Dep, 1/6/29/12 (Prozessakten und Gutachten Gewässerverunreinigung 1902-1931).
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