Full text : Historische Blicke auf das Land an der Saar

Auch  auf  die  Lokalgeschichte  der  Saarstädte  im  Jahr  1813  wurde  bestenfalls  in
nebulösen,  zum  Teil  auch  irreführenden  oder  verfälschenden  Formulierungen  Bezug
  genommen.  Mehrfach  wurde  suggeriert,  dass  die  Saarbrücker  1813  auch  schon
auf  der  Seite  der  siegreichen  Preußen  gestanden  hatten  (Gerade  hier  in  Saarbrücken
  wollen  wir  zeigen,  dass  der  alte  preußische  Geist  noch  in  uns  lebt;  dass  wir
treu  und  dankbar  unserer  Väter  Taten  gedenken).  Offensichtlich  gab  es  im  Rahmen
  der  Festtagsrhetorik  überhaupt  keinen  Platz  für  konkurrierende  Deutungsmuster.
  Es  wurde  eine  heroische  Eigengeschichte  der  Saarstädte  konstruiert,  die
sich  nahtlos  einfügen  konnte  in  die  dominierende  Gemütslage  des  Jahres  1913,  die
beseelt  war  von  der  nationalen  Mission  Preußens  und  dem  Streben,  Deutschland  zu
einer  Weltmacht  zu  machen.  Da  war  es  wichtig,  in  der  lokalen  Geschichte  Kontinuitätslinien
  aufzuzeigen,  die  die  unverbrüchliche  Treue  der  Saarstädte  zu  Preußen
über  ein  ganzes  Jahrhundert  hinweg  betonten.  Da  fiel  es  nicht  mehr  schwer,  aus  der
legitimatorisch  aufgewerteten  lokalen  Vergangenheit  eine  Erinnerungspflicht  für
die  nachwachsenden  Generationen  zu  konstruieren.  Mit  dieser  Gedenkfeierrhetorik
des  Jahres  1913  konnte  man  nahtlos  anschließen  an  die  Rituale  und  Symbole  des
Spichemkults,  den  man  allerdings  noch  dadurch  übertraf,  dass  man  mit  der  Völkerschlachtfeier
  die  Ursprünge  der  preußischen  Gesinnung  und  Loyalität  in  den  Saarstädten
  über  ein  ganzes  Jahrhundert  hinweg  feiern  konnte.  Eine  so  weit  in  die  Vergangenheit
  reichende  emotionale  Bindung  an  Preußen  und  Deutschland  wiederum
verstärkte  die  aus  dieser  Kontinuität  erwachsende  Verpflichtung  für  zukünftige
Generationen,  auch  weiterhin  -  wie  schon  die  Vorfahren  -  treu  und  opferbereit
dem  Vaterland  zu  dienen.  So  wurden  emotional  tief  verankerte  Loyalitäten  und  eine
  Opferbereitschaft  für  Kaiser  und  Reich  verstärkt,  die  jede  Art  von  kritischer
Distanzierung  und  intellektueller  Autonomie  ausschlossen* 35.
Es  bleibt  die  Frage,  ob  die  an  der  Feier  beteiligten  Akteure  nicht  wissen  konnten
oder  wollten,  dass  diese  Art  der  Erinnerungskonstruktion  und  heroischen  Verklärung
  vergangener  Kriege  letztlich  die  jugendlichen  Teilnehmer  manipulierte  und
entmündigte,  da  es  für  sie  -  angesichts  dieser  massiven  Indoktrination  -  keine  Alternative
  zu  einer  bedingungslosen  Übernahme  der  so  propagierten  nationalen
Pflichten  gab.  Allerdings  war  diese  mentale  Mobilisierung  ja  gerade  das  zentrale
Ziel  solcher  Feiern  -  vor  allem  angesichts  der  ständig  wachsenden  Gefahr  eines
großen  Krieges  in  Europa.  Aber  hier  ist  die  Frage  zu  stellen,  ob  die  Akteure  der
Saarbrücker  Jahrhundertfeier  eine  solche  Perspektive  überhaupt  als  eine  Bedro¬Siehe

  Ute  Planert,  Auf  dem  Weg  zum  Befreiungskrieg:  das  Jubiläum  als  Mythen  Stifter.
Die  Re-lnterpretation  der  napoleonischen  Zeit  in  den  Rheinbundstaaten,  in:  MÜLLER  (wie
Anm.  3),  S.  195-217,  hier  S.  198.
35  Hinsichtlich  der  strategischen  Funktion  der  Jubiläumsrhetorik  ist  jedoch  auch  hervorzuheben,
  dass  das  Nachbarland  Frankreich  zwar  als  Bedrücker  und  Besatzer  zur  Zeit  Napoleons
  genannt  wurde,  aber  ansonsten  fanden  sich  in  den  Appellen  und  Reden  kaum  antifranzösische
  Elemente.  Es  fehlten  denkbare  Hinweise  auf  einen  vermeintlichen  „Erbfeind“
  oder  andere  Formulierungen  zum  Aufbau  von  Feindbildern  gegenüber  den  westlichen
  Nachbarn.  Ein  möglicher  Grund  war  vielleicht  die  Rücksichtnahme  auf  die  zahlreichen
  Verflechtungen,  die  es  ja  in  den  vergangenen  Jahrhunderten  zwischen  den  Saarstädten
  und  Frankreich  in  der  Politik,  in  Wirtschaft  und  Kultur  gegeben  hatte.  Hier  im
Südwesten  der  preußischen  Monarchie  verzichtete  man  wohl  bewusst  auf  vulgärnationalistische
  Parolen  zur  mentalen  Mobilmachung.  Auch  in  Kaiserslautem  gab  es  kaum  antifranzösische
  Parolen  bei  den  Jahrhundertfeiern,  siehe  WEISS  (wie  Anm.  12),  S.  257f.
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